18. Januar: Deutschland feiert keinen Geburtstag

Guten Morgen liebe Hessen,

Heute ist ein historisches Datum: am 18. Januar 1871 – also vor genau 150 Jahren – wurde das deutsche Kaiserreich gegründet – knapp 70 Jahre nach dem Ende des Heiligen Römischen Reichs. Dazwischen fanden einige kriegerische Auseinandersetzungen mit Gebietsverschiebungen statt. Große Teile Hessens kamen zu Preußen – u.a. Hessen-Kassel, Hessen-Homburg und Nassau. Und auch das Kaiserreich war das Ergebnis des deutsche-französischen Krieges von 1870/71. Und so war die deutsche Einigung von Anfang an belastet durch die Gebietsabtretung von Elsass-Lothringen an das Deutsche Reich. Aber auch im Osten waren Konflikte abzusehen, da die Gebiete Polens aufgeteilt waren zwischen Deutschland, Russland und der k. und k. Monarchie. Und so war es fast unausweichlich, dass das Reich nach dem verlorenen ersten Weltkrieg große Teile seines Gebiets abtreten musste. Das war aber keineswegs das Ende der Grenzverschiebungen. In den darauffolgenden 70 Jahren gab es verschiedene Veränderungen, die dann vor 30 Jahren zur Bundesrepublik in ihren heutigen Grenzen führten. Insoweit ist die heutige Bundesrepublik aus dem Deutschen Kaiserreich hervorgegangen. Und die Kontinuität zeigt sich in vielen Bereichen. Die Weimarer Verfassung von 1919 ist direkt aus der Reichsverfassung entstanden – im Wesentlichen wurde nur der Begriff „Kaiser“ durch „Reichspräsident“ ersetzt. Und auch das Grundgesetz hat einiges aus der Weimarer Verfassung übernommen – einige Artikel sogar wörtlich. Die Grenze Deutschlands zu Österreich der Schweiz oder den Niederlanden hat sich seit 1871 nicht verändert und auch die Teilstaaten sind weitgehend identisch mit denen des Jahres 1871. Das Bundesland Sachsen entspricht dem damaligen Königreich Sachsen, das Land Baden-Württemberg den damaligen Staaten Baden und Württemberg (plus dem preußischen Hohenzollern) und auch der Freistaat Bayern entspricht dem damaligen Königreich – jedoch ohne die Pfalz, dafür aber mit Coburg, das damals zum Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha gehörte.

Es sind aber nicht nur die Grenzen und die vielfach erhaltenen Namen der damaligen Bundesstaaten, die die heutige Bundesrepublik ausmachen, sondern auch der Aufbau des föderalen Bundesstaates mit der bewährten Aufgabenteilung zwischen dem Bund und den Ländern: Außenpolitik und Militär als Bundesangelegenheit, Polizei, Justiz und Bildung als Ländersache. Und nicht zu vergessen: der Sozialstaat, der seine Wurzeln im Deutschen Kaiserreich hatte. Der erste Reichskanzler Bismarck führte die Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung ein – also die wesentlichen Grundlagen des Sozialstaats und eine der Voraussetzungen für die wirtschaftliche Prosperität sowohl des Kaiserreichs als auch der Bundesrepublik. Und obwohl dieser Zusammenhang offensichtlich ist, wurde dieses Prinzip bis heute nur von wenigen Staaten übernommen. Selbst die so fortschrittliche USA kennen keine allgemeine Krankenversicherung. Dennoch ist der erste Reichskanzler als Begründer des Sozialstaats heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Schlimmer noch: er ist in der öffentlichen Meinung in Verruf geraten, weil das Kaiserreich einige Kolonien unterhielt. Kolonien waren in der damaligen Zeit nichts Ungewöhnliches und Bismarck selbst hatte diese Entwicklung nicht gefördert. Das hindert selbsternannte Bessermenschen jedoch nicht daran, die Umbenennung von Bismarck-Straßen zu fordern und – wie etwa in Frankfurt – Bismarck-Denkmäler zu demolieren.

Und während die Gründung des Kaiserreichs noch vor 50 Jahren – zum 100-jährigen Jubiläum – gefeiert und auch vom damaligen Bundeskanzler Willy Brandt gewürdigt wurde, hört man heute aus der Regierungszentrale oder dem Bundespräsidialamt nichts. Kein Wunder: der funktionierende Nationalstaat steht der Vorstellung einer bunten und multikulturellen globalisierten Welt entgegen. Armes Deutschland.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

Weitere interessante Beiträge

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren