Afrika: Musterbeispiel für fehlgeleitete Entwicklungspolitik

Guten
Morgen liebe Hessen,

Entwicklungshilfe
(heute politisch korrekt als Entwicklungszusammenarbeit bezeichnet) hat das
Ziel, globale Unterschiede in der sozioökonomischen Entwicklung und in den
allgemeinen Lebensbedingungen abzubauen. Dabei wird zwischen den
Industrienationen und sog. „Entwicklungsländern“ unterschieden, also Ländern
die – so jedenfalls legt es die Bezeichnung nahe – unterentwickelt bzw. in
ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind. Bereits diese Bezeichnung ist zutiefst
rassistisch, denn sie teilt die Länder in solche ein, die in ihrer Entwicklung
höher stehen als andere Länder, die unterentwickelt sind. Schlimmer noch: es
wird dabei unterstellt, dass die Entwicklungsländer deshalb unterentwickelt
sind, weil sie selbst zu dieser Entwicklung nicht in der Lage sind und daher externe
Hilfe benötigen.

Dabei
wollen diese Länder – bzw. deren Bevölkerung – möglicherweise überhaupt keine
„Entwicklung“, wie sie sich etwa in den Industrienationen Europas oder
Nordamerikas vollzogen hat. Denn die Industrialisierung hat nicht nur Vorteile,
sondern auch zahlreiche Probleme und Nachteile mit sich gebracht: Verlust der
Selbstbestimmung bei der Arbeit, Umweltbelastung und Umweltzerstörung,
Beeinträchtigung familiärer Strukturen. Industrienationen haben einen immensen
und ständig zunehmenden Energie- und Strombedarf, dessen Erzeugung und
Sicherstellung immer aufwendiger wird. Möglicherweise lehnen viele Länder diese
Entwicklung ab, weil ihnen die Nachteile gegenüber den Vorteilen zu überwiegen
scheinen.

Aber
der Begriff der Entwicklung wird praktisch ausschließlich aus der Perspektive
der Industrieländer betrachtet, wobei postuliert wird, dass eine Entwicklung
wie in den Industrieländern per se positiv ist und von allen anderen Ländern
auch angestrebt wird bzw. werden sollte. Dabei werden subsistenzorientierte traditionelle
Wirtschaftssysteme mehr oder weniger deutlich als „unterentwickelt“ betrachtet,
ohne deren Bedeutung zur Sicherung weitgehend unabhängiger, sozial und
ökologisch nachhaltiger Existenz anzuerkennen (1). Denn in vielen Regionen
haben selbst hergestellte Güter und traditionelles Wissen den Menschen
jahrtausendelang eine weitgehende Bedürfnisbefriedigung bei – im Vergleich zur
Industriegesellschaft – freierer Gestaltung der Arbeit und Freizeit ermöglicht
(2).

Und
gerade Afrika – wichtigstes Zielgebiet der Entwicklungshilfe – stellt in seiner
Gesamtheit als Musterbeispiel für eine fehlgeleitete Entwicklungspolitik. Seit
der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten um 1960 flossen insgesamt mehr als
800 Milliarden Euro an Entwicklungshilfe in den Kontinent, die jedoch im
Ergebnis wenig gebracht haben – jedenfalls wenn man Lebensstandard und
Einkommenssituation der Bevölkerung betrachtet. Eine der Ursachen liegt darin,
dass ein erheblicher Teil der Zahlungen nicht in Entwicklungsprojekte geflossen
ist, sondern in das Privatvermögen korrupter Eliten (3, 4). Soweit die
Zahlungen aber tatsächlich bei der Bevölkerung angekommen waren, haben diese
die Grundproblematik nicht beseitigt, sondern im Gegenteil nur eine
Abhängigkeit von dieser Hilfe erzeugt (5). Und das ist möglicherweise auch
genau das Ziel der Entwicklungshilfe.

Ihr
Rainer Rahn

Landtagsabgeordneter

(1) Vandana Shiva: How To End Poverty:
Making Poverty History And The History Of Poverty

(2) Edward Goldsmith: Der Weg. Ein
ökologisches Manifest. 1. Auflage, Bettendorf, München 1996, S. 201ff

(3) Entwicklungshilfe – Ein
Marshall-Plan löst Afrikas Probleme nicht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung.
faz.net. 29. Januar 2017

(4) http://documents.worldbank.org/curated/en/493201582052636710/pdf/Elite-Capture-of-Foreign-Aid-Evidence-from-Offshore-Bank-Accounts.pdf

(5) Geld allein hilft nicht. Interview
mit Franz Nuscheler.. In: Die Zeit. 15. September 2005

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