Afrikanische Behördenleiter fordern: Medizin sollte Gemeingut sein

Guten Morgen liebe Hessen,

Das Corona-Virus hat sich relativ schnell weltweit ausgebreitet – auch nach Afrika. Der schwarze Kontinent ist zwar hinsichtlich der Infektionen selbst relativ wenig betroffen, aber dafür umso mehr wirtschaftlich. Ein Bericht der UN-Welthandels- und Entwicklungskonferenz geht von der schlimmsten Rezession in Afrika seit 25 Jahren aus: „Die Krise wird Jahre des mühsamen Fortschritts der am wenigsten entwickelten Länder in Bereichen wie Armutsminderung, Ernährung und Bildung umkehren“ – so der Bericht. Für die ersten drei Quartale des Jahres 2020 geht die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) von einem Rückgang der Beschäftigung von etwa 10 Prozent aus (1). Verständlich, dass die Länder auf Unterstützung der Industriestaaten hoffen. Deren Möglichkeiten sind jedoch begrenzt, da sie selbst durch die Pandemie in erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind.

Und Afrika erhofft sich auch Unterstützung bei der Impfung der Bevölkerung. Grundproblem der Impfung ist derzeit die begrenzte Verfügbarkeit des Impfstoffes. Jeder Impfstoff muss entwickelt, getestet und in einem komplexen Verfahren zugelassen werden. Aber auch mit erteilter Zulassung ist die Produktion limitiert, da die Produktionsstätten zahlreiche Voraussetzungen erfüllen müssen und deren Zahl naturgemäß begrenzt ist. Daher gründeten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Europäischen Kommission im April 2020 die Covid-19 Vaccines Global Access (COVAX), eine Organisation, deren Ziel es ist, allen Ländern einen gleichmäßigen und gerechten Zugang zu Covid-19-Impfstoffen zu gewährleisten. Die Organisation will bis Ende 2021 zwei Milliarden Dosen Impfstoffe einkaufen und weltweit fair verteilen. Inzwischen sind mehr als 180 Staaten der Organisation beigetreten, darunter auch die Bundesrepublik und viele afrikanische Staaten (2). Letztere sind kaum in der Lage, die Impfstoffe zu finanzieren und benötigen daher die Unterstützung der Industrienationen, die ihnen durch COVAX auch gewährt wird.

Das scheint aber dem einen oder anderen nicht auszureichen. So warnt die Africa Centres for Disease Control and Prevention vor einer „moralischen Katastrophe“ bei der Verteilung von Impfstoffen. Der Behördenleiter John Nkengasong fordert: „Wir brauchen diese Impfstoffe und wir brauchen sie jetzt“ (3). Und der kenianische Koordinator des People’s Health Movements, Dan Owalla, verlangt die Aufhebung des Patentschutzes auf „wichtige Medikamente wie Impfstoff gegen Corona“, da nach seiner Auffassung Medizin ein „Gemeingut“ ist (4). Gemeingüter, die allen zugänglich sein sollten, sind die Luft und das Wasser, möglicherweise auch Bodenschätze, aber sicher nicht die „Medizin“ oder die Entwicklung und Produktion von Gütern wie etwa Medikamente oder Impfstoffe. Denn die wachsen nicht auf Bäumen, sondern setzen einen immensen personellen und finanziellen Aufwand für Entwicklung und Produktion voraus. Und jeder, der Zeit und Geld in eine Entwicklung investiert, hat einen Anspruch auf angemessene Entlohnung. Wäre es anders, würde sich kaum noch jemand der Mühe unterziehen, neue Medikamente oder Impfstoffe zu entwickeln oder Kapital in ein Unternehmen zu investieren. Dann gäbe es keine Innovationen mehr und auch keinen Impfstoff gegen Corona. Und wer dennoch einen Impfstoff haben möchte, muss den dann selbst entwickeln und produzieren. Warum John Nkengasong oder Dan Owalla das von den Wissenschaftlern in ihren eigenen Ländern bislang nicht verlangt haben, ist nicht bekannt.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://zeitung.faz.net/webreader-v3/index.html 04.12.2020
(2) COVAX Announces additional deals to access promising COVID-19 vaccine candidates; plans global rollout starting Q1 2021. World Health Organization.
(3) https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-10/coronavirus-weltweit-covid-19-pandemie-neuinfektionen-entwicklung-liveblog?utm_content=zeitde_redpost_zei_link_sf&wt_zmc=sm.int.zonaudev.facebook.ref.zeitde.redpost_zei.link.sf&utm_term=facebook_zonaudev_int&liveblog._id=urn:newsml:localhost:2020-12-29T09:51:28.500472:ba4a71e1-789d-4ea0-a2d6-7cf52eb97cf3__editorial&utm_referrer=facebook&utm_campaign=ref&utm_source=facebook_zonaudev_int&utm_medium=sm&page=5
(4) https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-11/corona-krise-kenia-impfstoff-krisenpolitik-afrika-dan-owalla-phm/komplettansicht

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