Anti-Diskriminierungs-Fanatiker verstehen nicht: Chancengleichheit ist nicht Chancengerechtigkeit

Guten Morgen liebe
Hessen,

Viele
Bildungspolitiker und -forscher beklagen, dass die Corona-Pandemie das „Kardinalproblem
des deutschen Bildungssystems“ verstärkt: die „mangelnde Chancengleichheit“
(1). Da liegt bereits in der Überschrift der entscheidende Denkfehler. In der
Schule gibt es – wie in vielen anderen Bereichen auch – keine
Chancengleichheit. Chancengleichheit bedeutet, dass jeder die gleiche Chance
hat, ein bestimmtes Ziel zu erreichen – also z.B. ein Einser-Abitur oder ein
Prädikatsexamen. Es gibt jedoch Schüler, die nicht in der Lage sind, dieses
Ziel zu erreichen, selbst wenn sie sich alle Mühe geben und sie von den besten
Lehrern unterrichtet werden. Genauso wenig wie jeder die Chance hat,
Spitzensportler oder Olympiasieger zu werden. Wer 1,50 m groß ist, wird im Hochsprung
nie die Qualifikation für die WM schaffen. Und wer 150 kg wiegt, hat keine
Chance, weltbester Geräteturner zu werden. Echte Chancengleichheit gibt es nur
im Lotto: da kann tatsächlich jeder den Jackpot knacken – unabhängig von seinen
körperlichen oder intellektuellen Voraussetzungen.

Und so gibt es
im Bildungssystem keine Chancengleichheit, sondern nur eine
Chancengerechtigkeit – d.h. das Angebot ist für alle frei und ungehindert
zugänglich. Und diese Chancengerechtigkeit gibt es längst. Staatliche Schulen
und Universitäten erheben keine Gebühren und bedürftige Schüler und Studenten
erhalten finanzielle Unterstützung. Mehr kann der Staat nicht bieten. Er hat
keinen Einfluss auf die individuelle Begabung der einzelnen Schüler. Und keinen
Einfluss auf die Unterstützung von Schülern durch das Elternhaus. Und die kann
sehr unterschiedlich sein. Manche Eltern sind in der Lage, ihren Kindern bei
den Hausaufgaben zu helfen, andere nicht. Manche Eltern beschäftigen sich
intensiv mit ihren Kindern und können so ggf. auch Defizite der Schule
kompensieren. Andere Eltern begnügen sich damit, ihren Kindern den Fernseher
einzuschalten, damit sie dann seichte Unterhaltung oder fremdsprachige
Sendungen konsumieren. Damit wird deutlich, dass bereits die unterschiedlichen
Elternhäuser – unabhängig von anderen Faktoren – eine Chancengleichheit
verhindern.

Und nun wird
von vielen beklagt, dass die Corona-Krise diese Chancenungleichheit deutlicher
werden lässt. Weil angeblich nicht alle Schüler „über ein eigenes Endgerät,
W-Lan und einen Arbeitsplatz verfügen, von dem aus sie sich am Unterricht
beteiligen können“ (1). Dabei dürfte es heute kaum einen Schüler mehr geben,
der nicht ein Smartphone besitzt. Und wenn, gehört er sicher nicht zur
bildungsfernen Schicht. Und dann wird beklagt, dass das Homeschooling durch die
„Realität hellhöriger Zwei-Zimmer-Wohnungen, in denen mehrköpfige Familien
leben“ behindert wird (1). Das stimmt sicher, wird aber bildungswillige Schüler
kaum davon abhalten, ihren Weg zu suchen und zum Ziel zu gelangen. Denn das
wird heute von vielen Bildungspolitikern übersehen: wer tatsächlich nach
Bildung strebt, lässt sich durch ungünstige Ausgangsbedingungen oder ein
fehlendes bildungsbeflissenes Elternhaus nicht abhalten. Im Gegenteil: er wird
die Defizite durch eigenen Fleiß und Zielstrebigkeit kompensieren und sich
gerade dadurch für höhere Aufgaben qualifizieren. Beispiel: der jüngst
verstorbene vormalige Bundesminister Norbert Blüm. Stammte aus einer
Arbeiterfamilie, verließ mit 14 die Volksschule und lernte Werkzeugmacher bei
Opel, erwarb das Abitur auf dem 2. Bildungsweg, studierte und promovierte und
wurde Bundestagsabgeordneter und Bundesminister. Und alles ohne Inklusion und
spezielle Förderung für benachteiligte Kinder aus bildungsfernem Elternhaus.
Und selbstverständlich auch ohne BAföG – denn das gab es zu Norbert Blüms
Zeiten noch nicht.

Ihr Rainer Rahn

Landtagsabgeordneter

(1) https://www.fr.de/meinung/corona-krise-schulen-bildung-weniger-chancengleichheit-fairness-13717150.html

Weitere interessante Beiträge

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren