Aus Furcht vor Rassismusvorwürfen: Migrantenanteil unter Corona-Patienten Tabuthema

Guten Morgen liebe Hessen,

Wie bei jeder neu auftretenden Erkrankung versuchen Epidemiologen herauszufinden, mit welchen Faktoren die Erkrankung assoziiert ist, um diese nach Möglichkeit auszuschalten. Auch bei der Corona-Infektion wurden relativ schnell Faktoren gefunden, die eine Infektion bzw. einen schweren Verlauf begünstigen können. Dabei wurde bereits früh deutlich, dass der Migranten-Anteil unter den Corona-Patienten in den Kliniken – und v.a. auf den Intensivstationen – auffällig hoch ist. Konkrete Zahlen wurden dabei nicht genannt, da keine entsprechenden statistischen Daten erhoben werden, aber die Angaben lagen zwischen 50 und 70 % (1). Eine Kölner Klinik berichtete, dass zwei Drittel der Corona-Intensivpatienten einen Migrationshintergrund besitzen. Andere Kliniken berichten von einem Anteil von 50 bis 90 %. Eine entsprechende OECD-Studie kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Der Untersuchung zufolge sind Einwanderer „besonders von den gesundheitlichen Folgen der Pandemie betroffen“. Als Ursache werden die Lebensbedingungen von Migranten genannt, die durch Armut, beengte Wohnverhältnisse, Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und berufliche Tätigkeiten ohne die Möglichkeit eines Homeoffice genannt (2).

Als weitere Gründe werden das Zusammenleben in Großfamilien angeführt und fehlender Zugang zu gesundheitlicher Bildung aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse („Kommunikationsbarriere“), wobei dies teilweise durch Desinformationen aus den jeweiligen Heimatländern verstärkt wird. Die genannten Faktoren sind teilweise nicht oder nur schwer beeinflussbar (Wohnverhältnisse, berufliche Tätigkeit), teilweise jedoch schon (Freizeitverhalten, Informationsdefizit). Die Problematik ist der Bundesregierung bekannt, wurde jedoch auf den Corona-Gipfeln von Bund und Ländern nicht erörtert (1).

Politiker haben die Problematik bislang nicht angesprochen – vermutlich, um Rechtspopulisten nicht in die Hände zu spielen. Weniger zurückhaltend zeigte sich dagegen Ali Ertan Toprak, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland und CDU-Mitglied. Er fordert, das „Migranten-Phänomen bei Corona nicht unter Teppich zu kehren”. Aus seiner Sicht ist es nicht hinnehmbar, dass dieses „lebenswichtige Thema“ tabuisiert wird. Denk- und Diskussionsverbote führen dazu, dass Wissenschaftler die Problematik ansprechen, weil ihnen dann eine Rassismus-Debatte drohe. Es sei aber „eher rassistisch, wenn Menschen mit ausländischen Wurzeln in hohem Maße am Corona-Virus sterben und niemand die Ursachen anspricht“. Als Ursache nennt er die fehlende Nutzung der normalen Medienkanäle durch „manche ethnischen Gruppen“. Hier genüge es auch nicht, „einfach nur die Infos auf Webseiten zu stellen und in andere Sprachen zu übersetzen“. Denn wer sich z.B. nur auf türkischen Medien informiere, erfahre nichts über Maßnahmen und Regeln, die in Deutschland gelten. Hinzu kommen jedoch „auch kulturelle Wurzeln, in denen die Großfamilie noch richtig gelebt wird“. Und er fordert: „Wenn aber Trauerfeiern oder illegale Großhochzeiten stattfinden, bei denen man sich nicht an die Regeln hält, sollte die Staatsmacht klar und deutlich eingreifen. Die unmissverständliche Botschaft muss hier heißen, dass es keinen Kulturrabatt gibt“ (3).

Ali Toprak kann als Migrant die Problematik deutlich benennen, deutsche Politiker glauben, dies nicht zu können, weil sie damit eine Tabu-Thema ansprechen und möglicherweise „rechte Kräfte“ unterstützen.


Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://www.focus.de/politik/bitte-nehmt-corona-ernst-migranten-auf-corona-stationen_id_13039874.html

(2) https://www.focus.de/politik/deutschland/dokument-aus-koeln-2-von-3-corona-intensivpatienten-mit-migrationshintergrund_id_13171359.html

(3) https://bagiv.de/ali-ertan-toprak-sollten-migranten-phaenomen-bei-corona-nicht-unter-teppich-kehren/

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