Autor in Ärzteblatt fordert Berücksichtigung „gruppenspezifischer kultureller Merkmale“

Guten Morgen liebe Hessen,

Das Deutsche Ärzteblatt, das
jedem Mitglied der Ärztekammer wöchentlich zugeht, beschäftigt sich vorwiegend
mit medizinischen Themen, hin und wieder aber auch mit wichtigen „Themen der
Zeit“ – wie z.B. ein Beitrag von Peter Bröckerhoff, M.A. vom „Cologne Center
for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health“ der Universität
Köln mit dem Titel: „Bedarfe der Gesundheitsversorgung – Biografische und
kulturelle Vielfalt beachten“ (1).

Der Autor stellt einen
„tiefgreifenden Wandel“ der Gesellschaft fest, der sich u.a. in einer
„kulturelle Diversität“ zeigt. Damit ändern sich dann „nicht nur die
medizinischen Bedarfe, sondern auch die persönlichen Bedürfnisse, Erwartungen
und Ansprüche an die öffentliche Gesundheitsversorgung, wodurch das Gesundheitssystem
vor neue inhaltliche und strukturelle Herausforderungen gestellt wird“. Denn die
Bedarfsgerechtigkeit der medizinischen Versorgung wird im deutschen
Gesundheitssystem durch das SGB V konkretisiert, das festlegt, dass die
Leistungen „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ sein müssen und „das
Maß des Notwendigen nicht überschreiten“ dürfen. Bestimmt wird dies durch den
jeweiligen medizinischen Standard. Dabei bleibt nach Auffassung des Autors
jedoch ein wesentlicher Aspekt der Bedarfsgerechtigkeit unberücksichtigt: die
persönliche kulturelle Situation des Patienten. Was der Autor verschweigt (oder
wahrscheinlich nicht weiß): genau das ist einer der Gründe, warum die Medizin
in Deutschland nach wie vor weltweit führend ist. Und auch der Grund, warum
viele Migranten und Medizintouristen gerade nach Deutschland kommen.

Dennoch beklagt der Autor, dass
die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen immer „in soziale und kulturelle
Kontexte eingebunden“ ist, denn „das Verständnis von Gesundheit und Krankheit
ist abhängig von Normen und Wertvorstellungen, die auch vom kulturellen Kontext
geprägt sind“. So könne z.B. ein „gerechtigkeitsrelevantes Problem entstehen,
wenn ein medizinischer Bedarf bei einer Person besteht, diese aber zum Beispiel
wegen sprachlicher Barrieren medizinische Leistungen nicht nachfragt“ (1). Woher
diese sprachlichen Barrieren kommen, hat der Autor nicht nachgefragt. Hätte er
es getan, wäre er zu dem Ergebnis gekommen, dass es in Deutschland zahlreiche
Mitbürger mit Migrationshintergrund gibt, die seit Jahrzehnten hier leben, aber
dennoch die deutsche Sprache kaum beherrschen und ihrem Arzt außer „Doktor,
viel Schmerz“ oder „diese Tablett nix gut“ nichts mitzuteilen haben.

Dennoch fordert der Autor „Kultur-
und Sprachmittler“, um einen gerechten Zugang zu Gesundheitsleistungen zu
schaffen und eine Berücksichtigung „gruppenspezifischer kultureller Merkmale“
(1). Viele der kulturellen Merkmale sind den meisten Klinikärzten seit langem
bekannt. Fast jeder Arzt dürfte die Situation kennen, dass eine Patientin mit
Kopftuch die Behandlung durch den Arzt ablehnt und vehement eine Ärztin
fordert. Und das nicht etwa bei gynäkologischen Fragestellungen, sondern bei
einer Handverletzung oder einer augenärztlichen Untersuchung. Und ebenso dürfte
den meisten Ärztinnen die Situation geläufig sein, dass sie von einem
männlichen Patienten abgelehnt werden – selbst wenn es sich um die Oberärztin
oder Klinikleiterin handelt.

Ihr Rainer Rahn

Landtagsabgeordneter

(1) Dtsch Arztebl 2021; 118(42): A 1924–9

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