Bevölkerung wächst nur durch Zuwanderung, aber: Benötigen wir überhaupt ein Bevölkerungswachstum?

Guten Morgen liebe Hessen,

Kürzlich die Katastrophenmeldung in der ZEIT: „Bevölkerung so wenig gewachsen wie seit Jahren nicht mehr“ (1). Mit 83,2 Millionen Menschen hat die Einwohnerzahl in Deutschland zwar einen neuen Höchststand erreicht, jedoch wächst die Bevölkerung kaum noch und auch das nur durch Zuwanderung. Quelle der Erkenntnis ist eine Schätzung des Statistischen Bundesamtes. Danach lebten zum Jahresende 2019 etwa 200.000 Personen mehr in Deutschland als ein Jahr zuvor. Seit der Wiedervereinigung sei – mit wenigen Ausnahmen – in allen Jahren die Bevölkerung stetig gewachsen. Ursache sei aber ausschließlich die Zuwanderung gewesen. Denn „ohne Wanderungsgewinne würde die Bevölkerung bereits seit 1972 schrumpfen, da in jedem Jahr mehr Menschen sterben als geboren werden“.

Der unbefangene Leser muss den Eindruck erhalten, dass ein ausbleibendes Bevölkerungswachstum – oder gar eine Abnahme der Bevölkerungszahl – eine Katastrophe bedeutet, die es abzuwenden gilt. Ähnlich wie beim Wirtschaftswachstum. Dabei stellt sich jedoch niemand die entscheidende Frage: benötigen wir überhaupt ein Bevölkerungswachstum? Oder ist dieses Wachstum möglicherweise sogar schädlich?

Rückblick: zum Zeitpunkt von Christi Geburt betrug die Weltbevölkerung 300 Millionen, im Jahr 1800 etwa eine Milliarde, 1920 zwei, 1960 drei, 1974 vier, 1986 fünf, 1998 sechs und 2010 sieben Milliarden Menschen. Wer heute 70 Jahre alt ist, hat während seines Lebens eine Verdreifachung der Weltbevölkerung erlebt. Manche mögen diese Entwicklung gut finden, weil es in ihr Weltbild passt. Und für viele religiösen Führer ist die Vermehrung ihrer Anhänger das wichtigste Anliegen. Andere sehen das eher kritisch – insbesondere diejenigen, die sich mit den Folgen dieser Entwicklung rational befassen. Fakt ist: die Größe der bewohnbaren und für die Landwirtschaft nutzbaren Erdoberfläche ist begrenzt und ändert sich nicht.

Und wenn, eher in Richtung Verkleinerung, z.B. wenn nicht nutzbare Wüsten- oder Überschwemmungsflächen zunehmen. Fakt ist weiterhin: jeder Mensch belastet die Umwelt – direkt oder indirekt – durch Müll und Schadstoffe, der eine mehr, der andere weniger. Fakt ist weiterhin: jeder Mensch beansprucht Flächen zum Wohnen, als Verkehrsflächen, zur Gestaltung der Freizeit etc. – und das eher mit zunehmender Tendenz.

In Deutschland lebten zum Zeitpunkt der Reichsgründung 1871 etwa 41 Millionen Menschen, 1900 waren es etwa 56 Millionen – und das auf einer deutlich größeren Fläche als die Bundesrepublik umfasst. Und dennoch war das Deutschland von 1900 ein für damalige Verhältnisse fortschrittlicher Staat mit prosperierender Wirtschaft. Heute merken wir die Folgen der Zunahme der Bevölkerung vor allem in den Ballungsräumen: Mangel an Wohnraum mit der Folge der Steigerung von Immobilien- und Mietpreisen, ein Verkehrsinfarkt auf Schiene und Straße, dem man mancherorts mit einem aus Goethes Zeiten stammenden Fortbewegungsmittel begegnen möchte. Und nicht zuletzt mit einer Zunahme der Gewalt, die auch bedingt ist durch die zunehmende Enge. Immer mehr Menschen müssen sich immer weniger Platz teilen. Das führt zur Zunahme von Aggressionen – insbesondere dann, wenn diese Menschen auch noch aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen und daher völlig unterschiedliche Vorstellungen vom Zusammenleben haben.


Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-01/einwohnerzahl-bevoelkerung-wachstum-schaetzung

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