Corona-Impfung – vorhersehbares Desaster

Guten Morgen liebe Hessen,

Kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie haben verschiedene Pharmaunternehmen begonnen, einen Impfstoff zu entwickeln. Und relativ schnell war klar, dass nur durch eine breit angelegte Impfaktion die Pandemie beherrschbar ist. Und ebenso klar war es, dass es sinnvoll ist, sich möglichst frühzeitig ausreichende Mengen des Impfstoffs zu sichern. Die Bundeskanzlerin hatte entschieden, diese – eigentlich nationale Aufgabe und Chefsache – an die EU zu delegieren, an deren Spitze eine Kommissionspräsidentin steht, die bereits als Verteidigungsministerin völlig versagt hat. So auch hier: während viele Staaten bereits im Sommer bei verschiedenen Pharma-Unternehmen Impfstoffe in ausreichender Menge orderten, verhandelte die EU monatelang ohne Ergebnis (1). Folge: obwohl inzwischen die Präparate zugelassen sind, gehen die Impfungen in Deutschland nur sehr schleppend voran. Während in Israel innerhalb weniger Wochen mehr als 30 % der Bevölkerung geimpft wurde, sind es in Deutschland kümmerliche 1,5 % – also ein Zwanzigstel. Und das, obwohl der Impfstoff mit der ersten Zulassung aus Deutschland kommt. Dadurch wird zum einen das Infektionsrisiko für Hochrisikopatienten erhöht und zum anderen wird der Lockdown längere Zeit in Anspruch nehmen.

In Hessen sieht es nicht besser aus. Im Gegenteil: unter allen Bundesländern nimmt Hessen den Platz 14 in der Impfrate ein – obwohl die Startbedingungen für alle Bundesländer gleich (schlecht) waren (2). Und obwohl die ersten Impfstoffe seit nunmehr 4 Wochen zugelassen sind, passiert in Hessen nicht viel. Bislang sind nur 6 der insgesamt 28 Impfzentren geöffnet. Folge: die Impfwilligen – ausschließlich Senioren über 80 Jahre, die in die Gruppe der höchsten Dringlichkeit fallen – müssen teilweise 100 km für eine Impfung anreisen. Wenn sie überhaupt einen Termin erhalten. Denn selbstverständlich sind alle Telefone und Online-Portale zur Terminreservierung völlig überlastet.

Der zuständige hessische Innenminister wurde in einem Zeitungsinterview auf die Missstände angesprochen. Er bot dabei jedoch nicht etwa eine praktikable Lösung mit mehr Impfkapazitäten oder klarer Priorisierung an.

So könnte man beispielsweise die Senioren nach Jahrgängen zum Impfen aufrufen. Das würde zwar den Mangel nicht beheben, aber zumindest bei fast allen impfwilligen Senioren für Akzeptanz sorgen: die meisten 80-Jährigen werden bereitwillig den 90-Jährigen den Vortritt lassen und diese wiederum den 100-Jährigen. Stattdessen erläuterte der Innenminister, wie sich impfwillige Senioren bei der Terminreservierung gegenüber anderen „einen kleinen Vorsprung“ verschaffen können (3). Abgesehen von der Untauglichkeit dieses Hinweises erscheint es äußerst fragwürdig, wenn die Landesregierung impfwilligen 80-Jährigen Hinweise gibt, wie sie sich einen – ggf. lebensrettenden – Vorteil gegenüber anderen 80-Jähringen verschaffen können, die diesen Vorteil nicht nutzen können, weil sie keinen Internetzugang besitzen oder keine Kinder bzw. Enkel, die ihnen bei der Terminreservierung helfen können. Da wird dann nicht nur der Mangel verwaltet, sondern die besonders gefährdeten Senioren gegeneinander aufgehetzt mit dem Ziel, sich die frühesten Impftermine zu sichern. Und im Vorteil ist dann der, der sich mit dem Internet auskennt oder möglichst viele Enkel hat, die ihm dabei helfen.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://epaper.fr.de/webreader-v3/index.html#/467366/10-11
(2) https://www.bild.de/bild-plus/politik/inland/politik-inland/impf-stopp-zu-wenig-nachschub-und-die-politiker-wollen-nicht-schuld-sein-74989872,la=de.bild.html
(3) https://epaper.fnp.de/webreader-v3/index.html#/467490/16-17)

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