Corona-Krise als „Begründung“: Muezzin-Ruf in Deutschland als Zeichen der Solidarität

Guten Morgen liebe Hessen,

Der Begriff der Religionsfreiheit wird von vielen Vertretern von Religionsgemeinschaften sehr extensiv ausgelegt. Religionsfreiheit nach dem Grundgesetz meint das Recht, frei und ohne Einschränkung alles zu glauben, was irgendein Prophet verkündet hat und nach den religiösen Vorschriften zu leben – soweit die Rechte anderer nicht beeinträchtigt werden. Bei dieser Abwägung hat die Rechtsprechung den Begriff Religionsfreiheit bislang sehr weit ausgelegt, d.h. die Religion verschafft vielen Sonderrechte, die anderen nicht zustehen. Gerade den Vertretern der Religion des Friedens werden zahllose Ausnahmen von Gesetzen und Vorschriften zugestanden. Ausnahmen, die dazu führen, dass immer mehr gefordert wird.

Aktuell ist es der Ruf des Muezzins, der in islamischen Ländern fünfmal am Tag – beginnend mit dem Sonnenaufgang – die Gläubigen zum Gebet ruft, meist vom Minarett der Moschee und mit Lautsprechern von meist minderer Qualität (obwohl es die zu Zeiten des Propheten noch nicht gab). Dafür ist der Text vorgegeben und immer derselbe: „Allah ist groß. Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Allah. Ich bezeuge, dass Mohammed Allahs Gesandter ist. Eilt zum Gebet, eilt zur Seligkeit. Das Gebet ist besser als Schlaf. Allah ist groß. Es gibt keine Gottheit außer Allah“ (1).

Der Ruf des Muezzins ist in Deutschland (bislang noch) selten zu hören. Über die Gründe, warum bislang nur wenige Gemeinden eine entsprechende Genehmigung beantragt haben, kann man nur spekulieren. Möglicherweise befürchtet man einen erheblichen Widerstand bei der nicht-islamischen Bevölkerung. So hatte 2013 die Stadt Oer-Erkenschwick der türkischen Ditib-Gemeinde den Betrieb eines Lautsprechers für den Gebetsruf genehmigt. Ein Anwohner klagte dagegen und bekam vom zuständigen Verwaltungsgericht Gelsenkirchen Recht. Die Kläger hatten dabei nicht nur die Lautstärke des Muezzin-Rufs beanstanden, sondern vor allem auch den Inhalt des Gebetsrufs, durch den sie ihre negative Religionsfreiheit beeinträchtigt sahen (2). Denn das ist der entscheidende Unterschied zwischen Glockengeläut und Muezzin-Ruf: während das Glockengeläut keinen konkreten Inhalt vermittelt, enthält der Ruf des Muezzins ein konkretes Glaubensbekenntnis.

Aktuell muss sogar die Corona-Krise als „Begründung“ zur Einführung des Muezzin-Rufs herhalten. Seit einigen Tagen ertönt in der Duisburger Merkez-Moschee der Gebetsruf vom Minarett, während gleichzeitig die Kirchenglocken läuten – als Zeichen der Solidarität. Die Vorsitzende des Ditib-Landesverbandes führte dazu aus, die Gemeinde sei von kirchlichen Initiativen „zu diesem erfreulichen Schritt ermuntert“ worden: „Unsere benachbarten Kirchen fragten auch, ob wir uns jeden Abend an diesem Zeichen der Solidarität beteiligen möchten. Wir haben zum Ausdruck gebracht, dass wir die muslimische Gemeinschaft durch den Gebetsruf spirituell unterstützen können“ (3).

Immerhin eine originelle Begründung für die Einführung des Muezzin-Rufs. Und man kann relativ sicher sein, dass dieser Ruf auch nach Ende der Corona-Krise weiter erschallen wird.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Adhān
(2) https://www.waz.de/region/richter-verbieten-muezzin-lautsprecher-in-oer-erkenschwick-id213289575.html
(3) https://www.waz.de/staedte/duisburg/coronavirus-erster-gebetsruf-von-duisburger-merkez-moschee-id228748681.html

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