Corona offenbart Zerstrittenheit der Gesellschaft – sachliche Argumente dringen wie bei Klimawandel, Euro und Zuwanderung selten durch

Guten Morgen liebe Hessen,

Selten wurde über eine Infektion und deren Verhütung so viel Unsinn verbreitet wie über Corona. Insbesondere Impfgegner stellen häufig Behauptungen auf, die teilweise frei erfunden sind, denen in der Regel aber jede wissenschaftliche Grundlage fehlt. Den Personen, die diese Behauptungen verbreiten, fehlt meist jedes medizinische Grundwissen, einige erbringen lediglich den behördlichen Nachweis, keine Analphabeten zu sein. Häufigste Behauptungen betreffen die Wirksamkeit der Impfung und deren Nebenwirkungen. Dazu vorweg: es gibt in der Medizin keine null und keine hundert Prozent. Und das gilt auch für die Wirksamkeit einer Impfung, die nie hundertprozentig ist, sondern – je nach Präparat und untersuchtem Parameter – mal 70 und mal 99 Prozent beträgt. Bedeutet: auch mit Impfung kann jemand an der Infektion erkranken, gegen die er geimpft wurde – aber das Risiko ist deutlich geringer als beim Nichtgeimpften und der Verlauf in der Regel auch leichter. Gleiches gilt für die Nebenwirkungen. Kein Impfstoff ist frei davon, jeder kann Nebenwirkungen verursachen. Die sind meist harmlos und vorübergehend, in einigen Fällen aber auch schwerwiegend und können in Ausnahmefällen auch tödlich enden.

Somit geht es bei der Impfung – wie bei jeder medizinischen Maßnahme – im Ergebnis um eine Nutzen-Risiko-Abwägung, d.h. um die Frage, ob der (zu definierende) Nutzen das (ebenfalls zu definierende) Risiko überwiegt. Für die Corona-Impfung gilt eindeutig: der Nutzen überwiegt deutlich das Risiko. Und das gilt nicht nur für die Individualbetrachtung des Geimpften, d.h. das persönliche Infektions- und Nebenwirkungsrisiko, sondern auch für das Übertragungsrisiko durch den Geimpften. Auch hier gilt: selbstverständlich schließt eine Impfung nicht vollständig aus, dass der Geimpfte selbst infiziert wird und das Virus auf andere überträgt. Das Risiko ist jedoch im Vergleich zum Ungeimpften signifikant geringer. Anders formuliert: auch der Geimpfte stellt für seine Umgebung ein potentielles Infektionsrisiko dar, das jedoch deutlich geringer ist als beim Ungeimpften. Insofern ist es völlig unsinnig, z.B. von einer „Pandemie der Geimpften“ oder einer fehlenden Wirksamkeit der Impfung zu sprechen.

Bei der Entscheidung über eine Impfung geht es insoweit auch nicht nur um die Frage der Selbstbestimmung und der individuellen Risikoabwägung, sondern auch um eine Rechtsgüterabwägung zwischen dem Recht auf körperliche Unversehrtheit des einzelnen und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit potentieller Infektionsopfer. Diese Rechtsgüterabwägung ist auch entscheidend für die im Infektionsschutzgesetz grundsätzlich vorgesehene Verpflichtung zur Impfung für einen bestimmten Personenkreis (v.a. Pflegekräfte) oder für alle. Denn wenn z.B. das individuelle Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen durch die Impfung sehr gering ist und andererseits das Übertragungsrisiko Ungeimpfter deutlich höher ist als durch Geimpfte, wäre die politische Entscheidung einer Impfpflicht auch verfassungsrechtlich kaum angreifbar.

Mit Corona ist es jedoch wie mit vielen anderen umstrittenen Themen, wie z.B. dem Klima, der Zuwanderung oder dem Euro. Wer an den menschengemachten Klimawandel glaubt, an die Bereicherung durch Vielfalt oder den Euro, lässt sich auch durch sachliche und wissenschaftlich fundierte Analysen nicht von seiner Meinung abbringen.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

Weitere interessante Beiträge

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren