Er wollte erwachsener wirken & „Likes“ generieren: Internetposer Mert T. lieh sich 550-PS-Auto und fuhr bei 160km/h innerorts 2 Menschen tot

Guten Morgen liebe Hessen,

Deutschland ist – bislang jedenfalls noch – eine Leistungsgesellschaft, in der die gesellschaftliche Anerkennung des Einzelnen vor allem durch eigene Leistung bestimmt wird, z.B. einen erfolgreichen Schul- oder Berufsabschluss oder eine besonders anspruchs- oder verantwortungsvolle Tätigkeit. Diese Erfolge sind jedoch nur nach einem jahrzehntelangen mühevollen Weg erreichbar. Viele sind hierzu jedoch nicht in der Lage oder nicht bereit. Und die suchen sich einen anderen – einfacheren – Weg, um zu Anerkennung zu kommen.

Zum Beispiel mit einem PS-starken Auto. Das vermittelt – zumindest bei schlichteren Charakteren – zumindest den Eindruck finanzieller Potenz und damit indirekt auch besonderer Leistung. Dieser Eindruck kann jedoch täuschen – denn das Fahrzeug kann natürlich auch geliehen oder gestohlen sein. Da bei vielen Fahrzeugen die PS-Leistung nicht ohne weiteres erkennbar ist, muss der Fahrer – um auf sich aufmerksam zu machen – die Fahrleistung auch öffentlich für alle erkennbar werden lassen, z.B. durch besonders lautes oder schnelles Fahren.

Wie z.B. im März dieses Jahres der 20-jährige Mert T. Der hatte sich einen 550-PS-Jaguar geliehen und war damit in der Innenstadt von Stuttgart unterwegs. Bei 160 kmh verliert er die Kontrolle über das Fahrzeug und tötet zwei Menschen. Derzeit steht er wegen Mordes vor Gericht. Der Fahrer ist ein „Internetposer“, der mit Fotos und Videos, die ihn als Fahrer von PS-starken Autos zeigen, im Internet Eindruck machen will. Sein ebenfalls 20-jähriger Beifahrer erklärt: „Ich wollte da mitfahren, das kommt krass an auf Instagram“. Nach dem schweren Unfall war die erste Sorge des Fahrers, ob der Schaden von der Versicherung übernommen würde (1). Zudem soll er seine Freunde aufgefordert haben, eventuell angefertigte Videos von der Todesfahrt von ihren Handys zu löschen (2).

Wie in derartigen Fällen üblich, findet sich auch hier ein Gerichtsgutachter, der nach entlastenden Faktoren sucht. Der Gutachter empfiehlt, bei dem Angeklagten das Jugendstrafrecht anzuwenden. Begründung: der „Deutsch-Türke“ Mert T. sei „äußerst eng an die Mutter gebunden“ und verhalte sich nicht altersgerecht. In türkischen Kulturkreisen – so der Gutachter – gelten andere Sitten als in deutschen Familien. Durch die Protzereien mit PS-starken Autos und teurer Kleidung habe der Angeklagte versucht, erwachsen zu erscheinen (2). Was man hier vermisst, ist die Feststellung des Gutachters, der Raser sei alleine wegen seiner Religionszugehörigkeit diskriminiert und benachteiligt und es sei ihm deshalb ein Erfolg in Schule und Beruf verwehrt. Er sei daher geradezu gezwungen gewesen, sich die öffentliche Anerkennung auf anderem Wege zu verschaffen – im konkreten Fall durch ein PS-starkes Fahrzeug.

Wie auch immer: dem Wunsch des Angeklagten, erwachsen zu erscheinen, sollte das Gericht nachkommen und ihn auch wie einen Erwachsenen behandeln, d.h. nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilen. Und das nicht – wie in vielen ähnlichen Fällen – wegen fahrlässiger Tötung, sondern wegen Mordes. Wer mit 160 kmh innerhalb einer geschlossenen Ortschaft unterwegs ist, nimmt die Tötung von Unbeteiligten billigend in Kauf. Und wenn die Motivation darin liegt, anderen zu imponieren – weil es auf Instagram „krass ankommt“ – der erfüllt zumindest ein Mordmerkmal: den niederen Beweggrund.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://www.heidelberg24.de/region/stuttgart-jaguar-raser-wegen-mordes-angeklagt-dramatische-szenen-gericht-12992462.html
(2) https://www.focus.de/panorama/welt/zwei-menschen-bei-innenstadt-raserei-getoetet-todesfahrt-von-stuttgart-gutachter-empfiehlt-verurteilung-nach-jugendstrafrecht_id_11141891.html

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