Erfahrungen von Asylbewerbern in Unterkünften: Bewohner klagten über räumliche Enge, fehlende Privatheit, Lärm, Stress

Guten Morgen liebe Hessen,

Die Medien berichten regelmäßig über „unmenschliche“ und „entwürdigende“ Zustände in Flüchtlingsunterkünften. Gemeint sind damit primär Unterkünfte in Libyen, der Türkei, aber auch in der EU, z.B. in Griechenland oder Bulgarien. Naheliegend, dass auch einmal die Zustände in den Unterkünften der Bundesrepublik untersucht werden. Naheliegend deshalb, weil die meisten, die (vor was auch immer) auf der Flucht sind, Deutschland als das Ziel ihrer Fluchtbemühungen angeben. Und so erwartet der unbefangene Beobachter, dass eine Untersuchung der Zustände in deutschen Unterkünften für Asylbewerber ein positives Bild ergibt, das sich deutlich von dem in den Unterkünften anderer Länder unterscheidet.

Aber weit gefehlt. Es ist dem Politikwissenschaftler Nikolai Huke von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel zu verdanken, dass er die Zustände in deutschen Flüchtlingsunterkünften aufgedeckt hat, die sich offensichtlich kaum von denen in Griechenland und anderen Ländern unterscheiden, die von den Medien immer wieder als unwürdig und unmenschlich angeprangert werden. Der Politikwissenschaftler hatte zwischen Oktober 2020 und Februar 2021 mehrere Asylbewerberunterkünfte in verschiedenen Bundesländern – u.a. auch in Hessen – besucht und die dortigen Bewohner interviewt. Die Ergebnisse sind erschreckend. Fast alle der interviewten Bewohner klagten über räumliche Enge, fehlende Privatheit, Lärm, Stress und zum Teil als lebensbedrohlich empfundene Konflikte mit anderen Bewohnern. Ein Bewohner schilderte, dass ihm von einem Mitbewohner angedroht wurde, „er werde mir den Kopf abschneiden“. Andere fürchten sich vor ihren Mitbewohnern, von denen sie nicht wissen, wo sie herkommen und ob sie „mit einem Kriminellen im Zimmer“ wohnen. Weiterhin berichteten die Bewohner über „menschenunwürdige Zustände“, „gravierende Grundrechtsverletzungen“ und über „rassistische Ärzte und Polizisten sowie gewalttätige Sicherheitsdienste“. Viele der Bewohner fühlen sich „wie im Gefängnis“ und beklagen, dass „nicht einmal Tiere so behandelt“ werden (1).

Die Schlussfolgerung des Autors: „In ihrer Gesamtheit und Einhelligkeit weisen die Äußerungen … klar auf strukturelle Probleme hin: bewusste Isolation, finanzielle, soziale und medizinische Mangelversorgung, Rassismus“ (1). Tatsächlich deutet die Untersuchung auf dringenden Handlungsbedarf. Bei manchen Mängeln mag das einfach zu lösen sei. Wenn sich z.B. Asylbewerber beklagen, dass sie „wie Gefangene in einer sehr langen Schlange stehen“ müssen, um ihr Essen zu holen, müssen einfach nur genügend (nicht-rassistische) Kellner eingestellt werden, um die Bewohner zu bedienen. In anderen Fällen gestaltet sich das schwieriger. Insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Anzahl von Migranten. Da müssen sich die Verantwortlichen etwas einfallen lassen. Denn mit ein paar marginalen Korrekturen werden sich die Probleme nicht lösen lassen, insbesondere die anhaltende Perspektivlosigkeit vieler Migranten, die keinen Job oder eine andere sinnvolle Beschäftigung finden und auf Dauer in prekären Verhältnissen leben müssen.

Und selbst wenn die neue Bundesregierung alle Villen am Starnberger See zur Unterbringung der Schutzsuchenden requiriert, wird das Problem nicht lösbar sein.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) Huke N: Bedeutet unser Leben nichts? – Erfahrungen von Asylsuchenden in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie in Deutschland; Hrsg. Förderverein PRO ASYL e.V., August 2021

Weitere interessante Beiträge

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren