Föderation Türkischer Elternvereine empört – Schulaufgabe thematisierte Zwangsheirat

Guten Morgen liebe Hessen,

Kürzlich titelte die BILD: „Eltern-Aufstand gegen diese Schulaufgabe“. Es ging dabei um die Philosophiestunde des Siegburger Gymnasiums Alleestraße mit dem Thema: „Eine Ethik für alle Kulturen? – Problemeröffnung im Spannungsfeld zwischen Kulturrelativismus und Universalismus“. Dabei wurde den Schülern folgende Aufgabe gestellt: „Beispiel 1: Ein türkischer Familienvater verheiratet seine Tochter ohne deren Einverständnis mit dem Sohn eines verstorbenen Bruders, um diesem eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland und damit eine Existenz zu sichern. Arbeitsauftrag: Besprich die Situation mit deiner/m Tischnachbarin/Tischnachbarn. Welche Konflikte seht ihr darin?“ (1). Die Schulaufgabe löste – wie zu erwarten war – helle Empörung aus (2). Die „Föderation Türkischer Elternvereine in NRW“ (FÖTEV) richtete einen Brief an das zuständige Kultusministerium, in dem sie sich „fassungslos“ zeigte. Ein Vertreter der Föderation sprach mit BILD: „Eine Lehrperson kann Fehler machen. Klar. Aber wenn sich die Schulleitung nicht explizit von der Aufgabenstellung distanziert, sehen wir in der Schule in Zukunft keine Basis für ein respektvolles Miteinander“ (1). Die FÖTEV bezeichnete die Aufgabenstellung als „extrem vorurteilsbehaftet und klischeehaft“. Sie bediene sich des „Vokabulars von rechtsradikalen Populisten und trägt dazu bei, dass sich diese Art von Klischees in den Köpfen der Schüler*innen verfestigt“ (2). Die Schule entschuldigte sich daraufhin ausdrücklich auf ihrer Homepage (1).

Dabei sind Zwangsheiraten ein alltägliches Phänomen: weitverbreitet in Ländern des Nahen Ostens. Weltweit wird jede halbe Stunde weltweit ein Mädchen gegen seinen Willen verheiratet. Auch in Deutschland gibt es solche Zwangsehen, die von den jeweiligen Eltern arrangiert werden, wobei überwiegend Migranten aus dem islamischen Kulturkreis betroffen sind. Verbreitet sind Zwangsehen – trotz eines Verbots – vor allem in patriarchalischen Familien im Osten und Süden der Türkei. Die Folgen für die Mädchen beschreibt die Sozilogin Necla Kelek wie folgt: „Die Betroffenen sind oft sehr jung, werden innerhalb der Familie verheiratet und haben häufig keinen Zugang zu Bildung. Mit jeder Zwangsheirat wird ein Leben zerstört“. Betroffen sind jedes Jahr auch Hunderte Mädchen in Deutschland. Dazu Kelek: „Die Traditionen leben auch außerhalb der Herkunftsländer fort, weil auch in Deutschland trotz Verbots die Verbrechen nicht angezeigt und auch nicht geahndet werden (…) Der Zusammenhalt und der Druck in der muslimischen Community sind groß, und in vielen Moscheen werden Männer dazu aufgefordert, ihre Töchter zu verheiraten. Deshalb werden Zwangsehen in Deutschland Alltag“ (3).

Dass es Zwangsehen gibt und dass diese vorwiegend in patriarchalischen Familien aus bestimmten Regionen arrangiert werden, hat selbst die empörte „Föderation Türkischer Elternvereine“ in ihrem Statement nicht bestritten. Die Empörung richtete sich offensichtlich nicht etwa gegen Zwangsehen, sondern nur dagegen, dass dies im Schulunterricht thematisiert wird und dass die Hintergründe dieser Zwangsehen beleuchtet werden. Verständlich, denn dann müsste sich der Verein auch mit dem Grundproblem selbst befassen.

Ihr Rainer Rahn

Landtagsabgeordneter

(1) https://www.bild.de/regional/koeln/koeln-aktuell/siegburg-eltern-aerger-wegen-schulaufgabe-aus-philosophie-unterricht-79123054.bild.html

(2) https://www.focus.de/politik/deutschland/gymnasium-entschuldigt-sich-tuerkischer-familienvater-verheiratet-tochter-nrw-schulaufgabe-loest-empoerung-aus_id_52899025.html

(3) https://www.lz.de/owl/22453220_Soziologin-sicher-Zwangsheirat-wird-Alltag-in-Deutschland.html

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