GENDER-SPRACHE: Landesregierung ignoriert eigene Vorgaben

Guten Morgen liebe Hessen,

Seit mehr als 30 Jahren gibt es die „geschlechtergerechte“ Sprache, deren Ziel es ist, Frauen sprachlich „sichtbar“ zu machen: „Bürgerinnen und Bürger“, „Wählerinnen und Wähler“, „Schülerinnen und Schüler“. Das macht die Sprache zwar umständlicher und die – ohnehin meist inhaltsleeren – Reden von Politikern länger und nichtssagender, aber dafür geschlechtergerecht. Und natürlich vorschriftenkonform. Denn für die „geschlechtergerechte“ Sprache gibt es zahllose Gesetze und Vorschriften, u.a. das Hessische Gleichberechtigungsgesetz (HGIG), das in § 1 bestimmt: „Rechts- und Verwaltungsvorschriften sollen die Gleichstellung von Frauen und Männern sprachlich zum Ausdruck bringen. Dies gilt auch für den dienstlichen Schriftverkehr“.

Eigentlich sollte sich vor allem die Landesregierung an dieses Gesetz halten. Macht sie aber nicht. Begibt man sich auf die Internetpräsenz der Landesregierung, so findet man – ohne lang suchen zu müssen – bei sämtlichen Ministerien Verstöße gegen das Gesetz. So wird z.B. auf der Seite der Landesregierung verkündet: „Regieren für die Bürger“ – so als gäbe es keine Bürgerinnen. Die Staatskanzlei teilt mit, dass „zur Preisverleihung alle Preisträger der vergangenen neun Jahre eingeladen“ wurden – aber offensichtlich nicht die Preisträgerinnen (die es auch gab). Auf der Seite des Wirtschaftsministeriums wird über „Förderung für Unternehmen und Gründer“ informiert – also ob es in Hessen keine Gründerinnen gäbe, die auch eine ministerielle Förderung verdient hätten. Weiterhin gibt es Mitteilungen für „Verkehrsteilnehmer“ und Hinweise, „für welche Verkehrsteilnehmer welche Regeln gelten“– die Verkehrsteilnehmerinnen möchte der Minister offensichtlich nicht ansprechen. Der Innenminister berichtet, dass die „Dr.-Horst-Schmidt-Stipendien über 10.000 Euro an fünf junge Sportler verliehen“ wurden. Das dazugehörige Foto zeigt neben dem stolzen Minister die fünf Preisträger: zwei junge Damen und drei junge Herren. Der Finanzminister warnt auf seiner Seite: „Steuerzahler aufgepasst! – Krankheitskosten bei der Einkommenssteuer“ – offensichtlich müssen die Steuerzahlerinnen nach Auffassung des Ministers nicht aufpassen. Auf der Seite des Justizministeriums ist vom „Täter-Opfer-Ausgleich“ die Rede (was ist mit Täterinnen?) und von „15.000 Absolventen“ – die zahlreichen Absolventinnen werden verschwiegen.

Das Kultusministerium informiert über die „Lehrerausbildung in Hessen“ und über „750.000 Schüler an öffentlichen Schulen“ – so als ob es weder Lehrerinnen und Schülerinnen gäbe. Das Umweltministerium teilt mit, dass es 2016 insgesamt „45.000 Verbraucherschutzberatungen“ gab – Verbraucherinnen wurden offensichtlich nicht beraten. Und es wird beklagt, dass „Erntehelfer nicht mehr einreisen“ dürfen. Möglicherweise gilt die Einreisesperre für Erntehelferinnen nicht. Das Wissenschaftsministerium informiert umfassend über „Ingenieurwissenschaften“ – nicht aber über Ingenieurinnen. Und auf der Seite des Sozialministeriums liest man, dass „nur Ärzte und Pfleger besondere Schutz-Masken“ benötigen. In der Ausschreibung für den eHealth-Award Hessen 2020 wird mitgeteilt, dass die Jury „aus Vertretern der Leistungserbringer, der Wirtschaft, der Forschung und der Politik besteht“ (obwohl es sicher auch Vertreterinnen und Leistungserbringerinnen gibt) und als „Ansprechpartner“ werden genannt: Frau Ellen K. und Frau Christina G. – also ausschließlich Ansprechpartnerinnen.

Die Antwort der Landesregierung auf eine diesbezügliche Anfrage (Drs. 20/2830) fällt entsprechend dünn aus: „In Einzelfällen kann es, trotz aller Bemühungen, vorkommen, dass dem nicht konsequent Rechnung getragen wird“.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

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