Grüne lehnen Triage-Gesetzentwurf ab haben aber das Problem nicht verstanden

Guten Morgen liebe Hessen,

Der Begriff Triage stammt aus der Kriegs- und
Katastrophenmedizin und hatte nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland
keine praktische Bedeutung mehr. Gemeint ist damit die Auswahl der zu
versorgenden Patienten, wenn die Versorgungskapazität nicht für alle ausreicht.
Ein solcher Fall war bislang nur in – praktisch nicht vorkommenden – Szenarien
denkbar. Denn auch bei Unfällen mit zahlreichen Schwerverletzten ist zwar
möglicherweise vor Ort keine ausreichende Kapazität vorhanden, aber in weiter
entfernten Kliniken schon, so dass die Patienten „nur“ dorthin transportiert
werden müssen. Angesichts der heute vorhandenen Transportmöglichkeiten ist das
meist kein Problem. Beispiele für größere Katastrophen mit vielen Verletzten
ist das Zugunglück in Eschede 1998 oder das Ramstein-Unglück 1988.

Mit der Corona-Krise wurde jedoch der Begriff wieder
aktuell. Die Pandemie ist nicht auf eine bestimmte Region beschränkt, sondern
betrifft ganze Kontinente. Eine Verteilung von Patienten auf andere Regionen
scheidet damit aus, da deren Kapazitäten ebenfalls erschöpft sind. In diesem
Fall entsteht eine Situation, die für alle Beteiligten äußerst unangenehm und
belastend ist und zu einem nicht lösbaren Problem führt: es muss eine Auswahl unter
den zu behandelnden Patienten getroffen werden, d.h. irgendjemand muss im
Einzelfall die Entscheidung treffen, ob Patient A oder Patient B behandelt
wird. Um den behandelnden Ärzten die Entscheidung zu erleichtern und
Rechtssicherheit zu schaffen, hat der Bundesgesundheitsminister nunmehr einen
Gesetzentwurf vorgelegt. Danach sind bevorzugt solche Patienten zu behandeln,
die eine bessere Überlebenschance haben. Dieser Entwurf wird vor allem von den
Grünen kritisiert. Begründung: „Behinderte Menschen würden nach wie vor Gefahr
laufen, aufgrund ihrer Behinderung von einer intensivmedizinischen Behandlung
ausgeschlossen zu werden“. Und so müssten „Schwerkranke im Krankenhaus
permanent mit der Angst leben, dass die medizinisch notwendigen lebenserhaltenden
Maßnahmen zugunsten einer anderen Person beendet wird“ (1). Sie behaupten, die
Ex-post-Triage sei „juristisch hochumstritten, da sie vermutlich als Totschlag
zu werten wäre“ und fordern deshalb, vor allem Behinderte besser zu schützen
(2).

Diese Kritiker haben offensichtlich die Problematik nicht verstanden.
Denn es wird eine Situation unterstellt, bei der die vorhandenen Kapazitäten
eben nicht ausreichen, alle Patienten adäquat zu versorgen. Dies bedeutet, dass
die behandelnden Ärzte zwangsläufig entscheiden müssen, wer (zuerst) behandelt
werden soll und wer nicht. Es muss in einer solchen Situation einzelnen
Patienten die erforderliche Behandlung – zumindest zweitweise – vorenthalten
werden. Eine Situation, die es z.B. in der Transplantationsmedizin schon immer
gibt: es wird ein Organ verfügbar, aber mehrere Patienten stehen auf der
Warteliste. Das Organ wird dann – nach vorgegebenen Kriterien – demjenigen
zugeteilt, dem es am besten „passt“ und der die besten Überlebenschancen hat.
Nichts anderes soll bei der Triage erfolgen, nämlich eine Zuteilung
medizinischer Behandlung nach vorab vorgegebenen Kriterien, bewertet durch drei
unabhängige Fachleute. Dass Behinderte dabei überdurchschnittlich häufig den
Kürzeren ziehen werden, liegt in der Natur der Sache. Wer eine Behinderung hat,
wird häufiger schlechtere Überlebenschancen haben als ein Nichtbehinderter. Er
wird aber nicht aufgrund seiner Behinderung benachteiligt, sondern aufgrund
sachlicher Kriterien.

Ihr Rainer Rahn

Landtagsabgeordneter

(1) https://epaper.fr.de/webreader-v3/index.html#/473978/6-7

(2) https://www.zeit.de/politik/deutschland/2022-05/triage-gruene-karl-lauterbach-kritik?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F

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