GUTE GRÜNDE ODER DISKRIMINIERUNG ? Wer Ahmad, Leila oder Ruslan heißt hat schlechtere Jobchancen als Anna, Sebastian oder Claudia – bei gleicher Qualifikation

Guten Morgen liebe Hessen,

Seit dem „bitte keine Araber“-Kommentar hat die Debatte um den Alltagsrassismus wieder Fahrt aufgenommen. Viele abgewiesene Bewerber beklagen, dass sie nur aus rassistischen Motiven abgelehnt wurden. Wenn jemand eine Wohnung zu vermieten oder einen Job zu vergeben hat, bekommt er meist zahlreiche Bewerbungen – oft mehrere hundert. Das Wohnungs- oder Job-Angebot ändert sich dadurch aber nicht. Wer hundert Bewerbungen hat, muss zwangsläufig 99 dieser Bewerber absagen. Und unter diesen sind sicher auch solche, die geeignet sind oder genau ins gewünschte Profil passen. Trotzdem erhalten sie eine Absage, weil eben ein anderer Bewerber noch geeigneter ist – oder im Moment der Bewerbung als geeigneter erscheint. Das ist ein völlig normaler Vorgang, dem jeder im Laufe seines Lebens häufig ausgesetzt ist. Man ist auf der Suche nach einem Job, einer Wohnung, einem Partner – und erhält eine Absage, obwohl man sich für den richtigen oder geeigneten Bewerber hält. Das liegt einfach daran, dass es noch andere geeignete Bewerber gibt oder der Entscheider andere Kriterien anlegt als man selbst.

Die meisten lassen sich dadurch nicht entmutigen und suchen weiter – meist irgendwann erfolgreich. Manche fühlen sich aber ungerecht behandelt und glauben, dass die Ablehnung nichts mit ihrer Eignung oder Qualifikation zu tun hat, sondern eine ungerechtfertigte Benachteiligung oder Diskriminierung aufgrund eines im Antidiskriminierungsgesetz genannten Merkmals ist: falsches oder fehlendes Geschlecht, Hautfarbe, ethnische Herkunft oder Religion – kurz eine rassistische Benachteiligung.

Vor allem Personen aus dem orientalisch-islamischen Kulturkreis fühlen sich häufig benachteiligt. Viele beklagen sich, dass sie bei der Jobsuche immer wieder Absagen bekommen, die sie mit ihrer Herkunft in Verbindung bringen. So wurde über eine Studie berichtet, die zeigte, dass „wer Ahmad, Leila oder Ruslan heißt“ seltener auf ein Bewerbungsgespräch eingeladen wird „als Anna, Sebastian oder Claudia – bei gleicher Qualifikation“. In dieser Studie wurde z.B. dreimal derselbe Lebenslauf einer Bewerberin verschickt, die jeweils mit drei verschiedenen Fotos und Identitäten versehen waren: einmal hieß die Bewerberin „Sandra Bauer“ und zweimal „Meryem Öztürk“ – letztere war auf dem Foto einmal mit und einmal ohne Kopftuch abgebildet. Über ein Jahr lang bewarb sie sich auf fast 1.500 Stellen in verschiedenen Städten. Mit deutschem Namen erhielt sie auf jede fünfte Bewerbung eine Antwort, mit türkischem Namen ohne Kopftuch nur auf etwa jede zehnte, mit Kopftusch auf jede zwanzigste Bewerbung (1).

Sicher ein klares Indiz für eine Benachteiligung oder Diskriminierung. Aber andererseits auch verständlich. Wer 100 Bewerbungen erhält, kann nicht alle Bewerber zu einem Gespräch einladen. Ansonsten könnte er seine Firma zumachen und die Stelle streichen. Also muss er eine Vorauswahl treffen. Und da werden diejenigen aussortiert, die ungeeignet erscheinen oder bei denen man mit Problemen rechnet. Bedeutet: Bewerber, bei denen die Wahrscheinlichkeit von Problemen erfahrungsgemäß höher ist als bei anderen, werden aussortiert. Ein ganz normaler und natürlicher Vorgang. Jeder ist bestrebt, sich selbst möglichst wenige Probleme aufzuladen. Und das gilt insbesondere dann, wenn man die nur schwer wieder loswird. Wie zum Beispiel bei Mietern oder Mitarbeitern.
Und wenn jemand mit Personen mit bestimmten Eigenschaften schlechtere Erfahrungen gemacht hat als mit anderen, wird er geneigt sein, Bewerber mit diesen Eigenschaften eher auszusortieren als andere.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://www.bento.de/politik/bitte-keine-araber-wie-rassismus-jungen-jobsuchenden-den-berufseinstieg-erschwert-a-c355105c-53a6-493f-948e-602536c87a72

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