Hessische Landesregierung blendet Realität aus – „Ehrenmorde“ in Kriminalstatistik nicht vorgesehen

Guten Morgen liebe Hessen,

Kürzlich berichtete die Presse über den Prozess um einen „brutalen Ehrenmord“ in Berlin. Angeklagt sind zwei junge Männer aus Afghanistan, denen die Staatsanwaltschaft vorwirft, ihre ältere Schwester vor dem Hintergrund „archaischer Ehr- und Moralvorstellungen“ und des in ihrer Familie gepflegten Frauenbilds getötet zu haben. Die Schwester habe sich – so die Staatsanwaltschaft – einem „westlich orientierten Lebensstil“ zugewandt und hatte die Absicht, sich von ihrem gewalttätigen Ehemann trennen, mit dem sie bereits im Alter von 16 Jahren verheiratet worden war. Dieses Verhalten der jungen Frau war mit der Familienehre nicht vereinbar und so wurde sie im Juli 2021 – vermutlich aufgrund eines Familienrats – durch die beiden Brüder ermordet. Sie transportierten die Leiche in einem Koffer per Bahn nach Bayern, um sie dort zu vergraben (1).

Den Begriff „Ehrenmord“ gibt es in Deutschland erst seit einigen Jahren. Er bezeichnet die Tötung einer Person – in der Regel einer Frau – durch ein Familienmitglied als Strafe für eine Verletzung familieninterner Verhaltensregeln. Die Tötung soll dabei die „Ehre“ der Familie wiederherstellen, die durch das Opfer verletzt wurde. Der Ehrbegriff ist dabei teilweise sehr streng und kann bereits durch die bloße Wahrnehmung der von der UNO garantierten Menschenrechte verletzt werden, z.B. durch die freie Wahl eines Ehepartners. „Ehrenmorde“ finden sich vor allem in archaischen, von Stammestraditionen bestimmten Gesellschaften im Nahen und Mittleren Osten – inzwischen aber auch in Deutschland. Bei einer Auswertung von in der Bundesrepublik begangenen „Ehrenmorden“ durch das MPICC im Auftrag des Bundesministeriums des Innern zeigte sich, dass fast alle Täter außerhalb Deutschlands geboren wurden und keine deutsche Staatsangehörigkeit besaßen, wobei sich eine Korrelation mit bestimmten Traditionen in den Herkunftsgebieten der Familien ergab (2).

Die Hessische Landesregierung sieht Ehrenmorde jedoch weniger als migrantenspezifische Kriminalität als vielmehr als ein „gesamtgesellschaftliches Problem“, dem sie sich „entschieden entgegenstellt“ (3). Dabei – so die Landesregierung – handele es sich um „Einzelfälle“, die weder in der hessischen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) noch im Kriminalitätslagebild (KLB) gesondert ausgewiesen werden. Daher sei die Zahl der jährlich in Deutschland oder Hessen begangenen Ehrenmorde nicht bekannt. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft DPolG schätzt die Zahl der in der Bundesrepublik begangenen Ehrenmorden auf mehr als 100 pro Jahr. Ob diese Zahl zutrifft, ist nicht bekannt. Die Landesregierung möchte die Zahl aber auch nicht so genau wissen, den sie führt in ihrer Antwort aus: „Eine Erfassung ist derzeit in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht vorgesehen und künftig nicht geplant“. Begründung: „Tatmotive werden in der PKS nicht ausgewiesen“ (4). Das mag so sein, könnte man aber ändern.

Eine gesonderte Betrachtung von „Ehrenmorden“ hält sie dabei offensichtlich nicht für erforderlich. Verständlich, denn dann müsste sie sich auch mit der naheliegenden Lösung des Problems befassen: potentielle Täter nicht einreisen zu lassen bzw. rechtzeitig auszuweisen, bevor sie eine Tat begehen können.

Ihr Rainer Rahn

Landtagsabgeordneter

(1) https://epaper.fr.de/webreader-v3/index.html#/472861/6-7

(2) https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/PolizeiUndForschung/1_42_ EhrenmordeInDeutschland.html

(3) kleine Anfrage, Drucksache 20/6355

(4) kleine Anfrage, Drucksache 20/6549

Weitere interessante Beiträge

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren