HISTORISCH FALSCH, ABER HAUPTSACHE BUNT: Der neue, politisch korrekte Hauptmann von Köpenick.

Guten Morgen liebe Hessen,

Der Schuster Wilhelm Voigt besetzte 1906 das Rathaus von Köpenick mit einem Trupp gutgläubiger Soldaten, die er auf der Straße abkommandiert hatte, verhaftete den Bürgermeister und konfiszierte die Stadtkasse. Die Geschichte verbreitete sich weltweit und ist bis heute bekannt – vor allem durch die literarische Verarbeitung in Carl Zuckmayers Bühnenstück.

Die Rolle des Hauptmanns von Köpenick stellt eine der Paraderollen deutschsprachiger Bühnen dar. Zahlreiche bekannt Schauspieler haben diese bereits verkörpert, u.a. Heinz Rühmann, Rudolf Platte und Harald Juhnke. Am Theater in Altenburg wurde die Rolle nunmehr mit Ouelgo Téné, einem dunkelhäutigen Schauspieler aus Burkina Faso besetzt (1). Vorbildlich, weil antirassistisch, werden viele jetzt sagen. Endlich ziehen Buntheit, Vielfalt, Antidiskriminierung und Gleichberechtigung auch in der Theaterwelt ein. Das sollte aber nur der Anfang sein. Denn mit der Besetzung mit einem Dunkelhäutigen ist es nicht getan. Auch andere Minderheiten müssen bei der Rollenbesetzung Berücksichtigung finden.

Dabei gibt es kaum eine Rolle, die sich weniger für eine Besetzung mit Schauspielern eignet, die einer vermeintlich diskriminierten Minderheit angehören. Die zentrale Botschaft von Zuckmayers Stück sind die Auswüchse des wilhelminischen Militarismus. Das Militär genoss in der Ära Wilhelms II ein besonders hohes Ansehen in der Bevölkerung. Der Beruf des Offiziers rangierte in der sozialen Skala ganz oben – im Gegensatz zu heute. Anweisungen von Offizieren wurden kritiklos befolgt, wobei die Uniform ihrem Träger weitgehende Vollmachten verschaffte. Und so war es praktisch egal, wer in dieser Uniform steckte. Jeder, der eine Uniform trug, konnte von den umfassenden Vollmachten des Militärs Gebrauch machen.

Jeder? Nicht ganz. Es musste natürlich jemand sein, der die Offiziersrolle zumindest halbwegs glaubhaft verkörperte. Er musste also zumindest aussehen wie ein Offizier und sich auch so verhalten. Der Schuster Voigt erfüllte die Rolle: sowohl die Soldaten, die er auf der Straße zum Sondereinsatz abkommandierte, als auch die Beamten der Köpenicker Stadtverwaltung nahmen ihm den Hauptmann ab, weil er zumindest die Grundvoraussetzungen erfüllte: männlich, weiß, im Alter aktiver Offiziere. Und er beherrschte zumindest einige der üblichen Kommandos.

Hätte er diese Grundvoraussetzungen nicht erfüllt, hätte die Besetzung des Köpenicker Rathauses nicht funktioniert. Einem 15- oder 85-Jährigen hätte niemand die Rolle des Hauptmanns abgenommen, ebenso wenig wie einer Frau. Und einem Dunkelhäutigen natürlich auch nicht. Der hätte vielleicht in der Kolonialtruppe seinen Dienst versehen können, aber sicher nicht im preußischen Köpenick. Und als Hauptmann sowieso nicht.
Damit wird die Grundbotschaft des Stücks – Kleider machen Leute – ad absurdum geführt. Mit der entsprechenden Kleidung – im konkreten Fall einer Offiziersuniform – kann man sich Eindruck verschaffen und im auch einen bestimmten Status oder eine Kompetenz vortäuschen. Aber die Kleidung alleine bringt nichts, wenn die sie tragende Person den vorgetäuschten Status nicht halbwegs glaubhaft verkörpert. Wer im Krankenhaus den kompetenten Facharzt vortäuschen will, muss zumindest das passende Alter haben und die medizinische Terminologie beherrschen. Und wer im Jahr 1906 einen preußischen Offizier verkörpern wollte, musste aussehen wie ein Preuße – also weiß.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://www.deutschlandfunk.de/theater-altenburg-ein-afrikaner-als-hauptmann-von-koepenick.691.de.html?dram:article_id=380013

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