HISTORISCH FALSCH, ABER HAUPTSACHE BUNT: Unterhaltung nimmt Nebenrolle ein Hauptsache politische Botschaft stimmt

Guten Morgen liebe Hessen,

Kürzlich feierte die TV-Reihe Tatort ihr 50-jähriges Bestehen. Inzwischen sind es weit über 1.000 Folgen, die über viele Jahre unterhaltsam waren, in letzter Zeit jedoch immer mehr dazu dienen, den Alltagsrassismus zu bekämpfen. Das war in den Anfangsjahren anders. In einer der ersten Tatort-Folgen mit dem Titel „Kressin stoppt den Nordexpress“ werden zwei in Schweden gefassten Schwerverbrecher mit dem besagten Nordexpress nach Deutschland überführt. Eine Bande plant die Befreiung der Verbrecher, indem der Zug gekapert und auf ein Nebengleis gefahren wird. Dazu müssen die Gangster, von denen einer afroamerikanischer Abstammung ist, während der Fahrt vom Zug auf die Lokomotive klettern und den Lokführer überwältigen. Dieser Vorgang wird von einem Streckenarbeiter beobachtet, der dies auch sofort seinem Vorarbeiter meldet: „Da ist grade ein Neger auf die Lok geklettert!“. Der Vorarbeiter nimmt das aber nicht ernst und entgegnet: „na klar, wenn da einer auf die Lok klettert, kann das nur ein Neger sein“. Ein Dialog, der heute undenkbar wäre und die besagte Folge aus dem Jahr 1971 zukünftig vor einer weiteren Ausstrahlung bewahren wird. Aber sie zeigt: auch vor 50 Jahren waren Schwarze im deutschen TV präsent – wenn auch nur in Nebenrollen. Das ist heute anders. Schwarze werden im TV wesentlich häufiger gezeigt, wahrscheinlich auch deutlich häufiger als es dem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Der entscheidende Unterschied zu 1971 ist aber: dunkelhäutige stellen keine Kriminellen mehr dar, die auf eine Lok klettern. Im Gegenteil: sie stehen auf der richtigen Seite des Gesetzes als Kommissar oder sie sind Opfer eines Verbrechens. Oder Tatverdächtige, die von einem deutschen – rauchenden und saufenden – Hartz-IV-Empfänger zu Unrecht beschuldigt werden.

In den USA – mit deutlich größerem Anteil an Schwarzen – ist man noch nicht soweit. Da wird seit längerer Zeit beklagt, dass es nur wenige Rollen für dunkelhäutige Darsteller gibt, wobei es sich meist um negativ konnotierte Charaktere handelt – wie etwa Sklaven, Dienstboten oder Kriminelle. Aber die „Heldenrollen“ bleiben den Weißen vorbehalten (1). Angeblich ein Klischee, um Schwarze negativ darzustellen und die Überlegenheit der weißen Rasse hervorzuheben. Tatsächlich aber ein Abbild der Realität. Sklaven waren in den USA immer schwarz, Dienstboten häufig und unter den Gefängnisinsassen finden sich prozentual wesentlich mehr Schwarze als Weiße: 2018 stellten Schwarze 12 Prozent der erwachsenen US-Bevölkerung, aber 33 Prozent der Inhaftierten (2). Und viele Filme haben eine literarische Grundlage, an die sich der Regisseur halten muss. So wurde James Bond von seinem Erfinder eben als hellhäutiger, männlicher Geheimagent beschrieben und nicht als dunkelhäutiger Transgender.

Aber auch hier ist man in Deutschland einen Schritt weiter. Wenn es um Antirassismus geht, darf die literarische Vorlage oder die historische Realität keine Rolle spielen. Und so wurde die Titelrolle in Zuckmayers Drama „Der Hauptmann von Köpenick“ kürzlich an einem Theater mit dem dunkelhäutigen Schauspieler Ouelgo Téné aus Burkina Faso besetzt (3). Und im Kampf gegen Rassismus ist es dann auch egal, dass der dunkelhäutige Schauspieler alleine wegen seiner Hautfarbe die Rolle nicht ausfüllen kann – selbst wenn er ein hervorragender Schauspieler sein sollte. Denn die Kernbotschaft des Stückes lautet: im militaristischen Preußen reichte eine Uniform, um sich Respekt und Gehorsam zu verschaffen. Unabdingbare Voraussetzung war aber, dass die Person in der Uniform halbwegs glaubhaft auftrat. In Zuckmayers Stück musste der Uniformträger zumindest aussehen wie ein preußischer Offizier. Und einem Schwarzen hätte auch im obrigkeitsgläubigen Kaiserreich niemand den Hauptmann abgenommen.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://www.zeit.de/kultur/film/2016-02/oscars-hollywood-spike-lee-academy-schwarze-schauspieler

(2) https://www.dw.com/de/historische-ungerechtigkeit-schwarze-h%C3%A4ftlinge-in-den-usa/a-53876975

(3) https://www.deutschlandfunk.de/theater-altenburg-ein-afrikaner-als-hauptmann-von-koepenick.691.de.html?dram:article_id=380013

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