Keine Zivilcourage aus Angst vor Rassismusvorwurf? Dunkelhäutiger vergewaltigt Frau im Zug, andere Passagiere bleiben teilnahmslos

Guten Morgen liebe Hessen,

Kürzlich titelte die BILD-Zeitung: „Mann vergewaltigt Frau in Zug – niemand greift ein“. Was war passiert? In einem vollbesetzten Pendlerzug in Philadelphia (US-Bundesstaat Pennsylvania) wurde am Abend eine Frau von einem Mann vergewaltigt. Kein einziger der Mitreisenden hatte eingegriffen oder auch nur die Polizei angerufen. Erst ein Bahnmitarbeiter rief die Polizei über den Notruf herbei, die den Täter an der nächsten Bahnstation überwältigen konnten. Der Täter ist bereits polizeibekannt. Eine im Zug installierte Überwachungskamera zeichnete die Tat vollständig auf. Was auch aufgezeichnet wurde: im selben Abteil, in dem die Tat begangen wurde, befanden sich mehrere Passagiere, die die Tat mitbekommen haben müssen. Dennoch hat keiner eingegriffen. Zu befürchten haben sie nichts, da in Pennsylvania – anders als etwa in Deutschland – unterlassene Hilfeleistung keine Straftat darstellt. Der ermittelnde Polizeibeamte ist über die Untätigkeit der Mitreisenden entsetzt: „Es sagt etwas über uns als Gesellschaft aus. Ich meine, wer würde so was zulassen?“ (1).

Dennoch ist die (fehlende) Reaktion der Zugpassagiere verständlich. Denn der Täter gehört – wie die Bilder in der Presse zeigen – in die Gruppe der POC (People of Colour). Und hier wird sich jeder weiße US-Amerikaner – und natürlich auch jeder Deutsche – genau überlegen, ob er eingreift, wenn er einen dunkelhäutigen Mitbürger bei einer Straftat beobachtet. Denn eines ist sicher: wenn er den Mitbürger körperlich attackiert und diesem auch nur eine geringfügige Bagatellverletzung zufügt, hat er ein Problem – genauer: mehrere Probleme. Da wäre zunächst die Schlagzeile in vielen Zeitungen: „Weißer Rassist verprügelt Schwarzen im Zug – Opfer musste ins Krankenhaus“. Natürlich mit unverpixeltem Foto vom Täter und blutigem Foto des Opfers. Das kostet den Helfer mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Job und seine Reputation. Hinzu kommt die Strafanzeige des Opfers wegen schwerer Körperverletzung, unter deren Folgen er möglicherweise sein ganzes Leben leiden wird. Also ein Gerichtsverfahren gegen den Helfer und eine hohe Zahlung an das Opfer: Schmerzensgeld, Schadenersatz etc. In den USA kommen da schnell einige Millionen zusammen, die auch einen wohlhabenden Bürger ruinieren können. Falls ihm dabei sein eigenes Haus nicht gepfändet wird, könnte es sein, dass es von den aufgebrachten Demonstranten demoliert und angezündet wird.

Alle diese potentiellen Folgen eines helfenden Eingreifens gingen den Zugpassagieren möglicherweise durch den Kopf – teilweise vermutlich subkortikal und unbewusst. Und so ist es durchaus verständlich, dass sich jeder zufällige Beobachter – zumal wenn er eine weiße Hautfarbe besitzt – genau überlegt, ob er einen dunkelhäutigen Mitbürger attackiert, selbst wenn dieser gerade eine schwere Straftat verübt. Und auch einen Anruf bei der Polizei wird er sich genau überlegen. Denn am Ende stellt sich das Ganze als Missverständnis heraus und dann steht er als rassistischer Denunziant da, der eine falsche Anschuldigung gegen einen Schwarzen erhebt. Und so werden es nicht wenige Beobachter vorziehen, die Tat nicht zur Kenntnis zu nehmen und nichts zu tun.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://www.bild.de/news/ausland/news-ausland/usa-mann-vergewaltigt-frau-in-zug-und-keiner-der-anderen-passagiere-half-77981538.bild.html#remId=1700413916075782778

Weitere interessante Beiträge

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren