KIRCHE: 3.677 MINDERJÄHRIGE MISSBRAUCHT | Große Zurückhaltung bei Opferentschädigung, zahlt am Ende der Kirchensteuerzahler?

Guten Morgen liebe Hessen,

Die katholische Kirche ist eine mächtige Institution mit langer Geschichte. Macht wird vor allem durch die Hirten ausgeübt, die den Gläubigen schildern, was ihnen im Jenseits droht, wenn sie sich im Diesseits nicht nach den vorgegebenen Regeln verhalten und sie so zu einem bestimmten Verhalten veranlassen. Das ist in manchen Fällen sicher nicht schlecht, wenn dadurch ein potentieller Räuber oder Dieb von seinem ungesetzlichen Vorhaben abgehalten werden kann. Manchmal wird die Machstellung aber auch von den Hirten zu eigenen Zwecken missbraucht.

Das passierte nicht nur gelegentlich, sondern offensichtlich öfter. Laut einer von der Kirche selbst in Auftrag gegebenen Studie wurden 3.677 Minderjährige im Zeitraum von 1946 bis 2014 Opfer von sexuellem Missbrauch in der Kirche. In über 38.000 ausgewerteten Akten der 27 deutschen Bistümer wurden bei 1.670 Klerikern (4,4, Prozent) Hinweise auf Beschuldigungen gefunden, Minderjährige missbraucht zu haben. Unter den Beschuldigten waren 1.429 Diözesanpriester, 159 Ordenspriester und 24 hauptamtliche Diakone. Bei mehr als 40 Prozent der Beschuldigten lagen Hinweise auf mehrere Opfer vor. Das Geschlechterverhältnis der von sexuellem Missbrauch Betroffenen war etwa 2:1 (m:w). Bei 76 Prozent der Betroffenen bestand eine kirchliche oder seelsorgerische Beziehung zum Beschuldigten, zum Beispiel als Messdiener oder als Schüler im Rahmen von Religionsunterricht, Erstkommunion- oder Firmvorbereitung. Bei rund einem Drittel der beschuldigten Geistlichen wurden kirchenrechtliche Verfahren eingeleitet, die überwiegend mit Sanktionen (Entlassung aus dem Klerikerstand, Exkommunikation) beendet wurden (1).

Bei der Entschädigung der Missbrauchsopfer zeigte sich die Kirche deutlich zurückhaltender. Zunächst stellten die Bischöfe ein milliardenschweres Entschädigungsmodell für Missbrauchsopfer vor, von dem jedoch nicht mehr viel übrigblieb. Am 25.09.2019 stellte der zuständige Bischof Ackermann das Ergebnispapier einer von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragten Arbeitsgruppe vor. Dort ist von einer „finanziellen Anerkennung des Leids“ die Rede, nicht jedoch von einer Entschädigung. Aber immerhin wurden konkrete – und halbwegs angemessene – Summen genannt: entweder pauschal € 300.000 für jedes Opfer oder ein Betrag zwischen € 40.000 und € 400.000 – je nach Schweregrad des Falles. Angesichts der Zahl der Opfer würde sich das auf einen Milliardenbetrag summieren. Die Zahlung sollte von den einzelnen Bistümern nach deren Zahlungsfähigkeit geleistet werden, d.h. die reichen Diözesen sollten die armen Diözesen und die Orden unterstützen.

Ende Januar 2020 berieten die Bischöfe über die Zahlungen, ohne jedoch zu einem konkreten Ergebnis zu kommen. Streitpunkt ist vor allem, wer zahlen soll und wieviel. Die ursprünglich genannten Summen wird es wohl nicht geben – eher deutlich weniger. Und zahlen sollen alle: zuerst die Täter, dann die Bistümer mit ihren Vermögenswerten und dann – falls das nicht ausreicht – die Kirchensteuerzahler. Bei den Tätern wird kaum etwas zu holen sein, zumal viele nicht mehr leben. Das Kirchenvermögen besteht zum erheblichen Teil in unverkäuflichen Immobilien und Kunstschätzen – bleibt die Kirchensteuer. Die sei aber – so ein Einwand – zweckgebunden „an die Bestreitung des Gottesdienstes, die Werke der Caritas und zur Entlohnung der Kirchenmitarbeiter“. Entschädigungen für Fehlverhalten von Kirchendienern fällt wohl kaum darunter (2). Und so werden die Missbrauchsopfer vermutlich weitgehend leer ausgehen.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://mk-online.de/meldung/3677-minderjaehrige-sind-opfer-von-missbrauch-in-kirche.html?gclid=EAIaIQobChMI8u3q3Jjj5wIVRed3Ch2ABQLdEAAYASAAEgJtrfD_BwE
(2) https://www.zeit.de/2020/08/missbrauchsskandal-katholische-kirche-entschaedigungsmodell-bischoefe/komplettansicht

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