nach 100 Jahren endlich: postkoloniale Wortsäuberung

Guten Morgen
liebe Hessen,

Vor etwa 60
Jahren endete in Afrika die Kolonialzeit. Eine Zeit, die bis heute sehr
umstritten ist, weil europäische Staaten Teile des schwarzen Kontinents
besetzten, um sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Ein im 19.
Jahrhundert übliches Vorgehen, vermeintlich herrenlose Gebiete zu besetzen und
die dort lebende Bevölkerung mehr oder weniger ausgeprägt auszubeuten.
Andererseits schafften die Kolonialmächte vielfach Infrastruktureinrichtungen,
die bis zum heutigen Tag genutzt werden, z.B. Hafenanlagen, Eisenbahnen und
Krankenhäuser. Jedenfalls ist die Kolonialzeit seit über 60 Jahren zu Ende und
die Bevölkerung ist sich selbst überlassen – abgesehen von den vielen
Milliarden an Entwicklungshilfe, die seither geflossen sind. Ob es der
Bevölkerung heute viel besser geht als zur Zeit der Kolonien, darf bezweifelt
werden. Jedenfalls herrschen in vielen Staaten des Kontinents korrupte Eliten,
die die Bevölkerung ausbeuten und sich persönlich hemmungslos bereichern. In
vielen Ländern herrscht Krieg oder Bürgerkrieg.

Die deutsche
Kolonialzeit liegt sogar noch weiter zurück. Sie endete mit dem Ersten
Weltkrieg. Und die deutschen Kolonialherren betrachteten ihre Kolonien weniger
unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Ausbeutung, sondern als Teil des Reichs, der
an dem wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben sollte. Dennoch wird aktuell im
Zusammenhang mit der Rassismus-Debatte auch die deutsche Kolonialgeschichte
wieder in Erinnerung gerufen. Es werden Forderungen nach „Wiedergutmachung“
gestellt und natürlich Forderungen nach „Aufarbeitung der Geschichte“.

Das beginnt mit
der Umbenennung von Straßen, die an die koloniale Vergangenheit erinnern
könnten – wie z.B. die Bismarck-Straße. Den Namen Bismarck kennen heute nur
noch wenige und wenn, dann meist nicht im Zusammenhang mit der
Kolonialgeschichte. Aber es stimmt natürlich: während der Amtszeit des Eisernen
Kanzlers gab es deutsche Kolonien. Und deshalb wird gefordert, den Namen aus
dem öffentlichen Bewusstsein zu löschen. Zum Beispiel in Offenbach. Da gibt es
die Bismarckstraße – wie in 350 anderen Städten auch. Die soll jetzt nach dem
Willen von Aykut Anhan, Kurde und Bewohner der Stadt, umbenannt werden. Aber
nicht etwa nach Willy Brandt oder Helmut Kohl, sondern nach dem Rapper
Haftbefehl. Also „Haftbefehl-Straße“ (1). Originell, aber missverständlich.

Aber der
Kolonialismus ist überall präsent. In der Nachbarstadt Offenbachs – der
Mainmetropole – klärt die „Initiative Frankfurt postkolonial“ mit
Stadtrundgängen über die koloniale Vergangenheit und deren Präsenz im Stadtbild
auf. Denn – so die Initiative – „der Kolonialismus prägt immer noch die Stadt“.
Da gibt es z.B. die Miquelallee, benannt nach dem Oberbürgermeister Johannes
von Miquel, der von 1880 bis 1890 amtierte. Er war Mitbegründer der Deutschen Kolonialgesellschaft.
Vizepräsident dieser Gesellschaft war von 1931 bis 1933 Konrad Adenauer – den
meisten nur bekannt als erster Bundeskanzler der Bundesrepublik und allenfalls
als Kölner Oberbürgermeister. Und dann gibt es die Zwillingstürme der Deutschen
Bank. Die Bank kennt jeder – weniger bekannt ist, dass sie 1870 zur
Finanzierung kolonialer Unternehmungen gegründet wurde. Nicht zu vergessen: der
Struwwelpeter-Brunnen an der Hauptwache, der die „Geschichte von den schwarzen
Buben“ unkritisch zur Schau stellt. Denn da wurden die drei bösen Buben, die
den armen Mohren wegen seiner Hautfarbe verspotteten, damit bestraft, dass sie
selbst geschwärzt wurden. Die Botschaft: dunkle Hautfarbe als Strafe (2).

Und so ist die
Kolonialgeschichte in den Städten allgegenwärtig. In Frankfurt reicht da eine
einfache Straßenumbenennung nicht aus. Da muss zumindest der
Struwwelpeter-Brunnen weg. Und die Zwillingstürme natürlich auch.

Ihr Rainer Rahn

Landtagsabgeordneter

(1) https://www.zeit.de/2020/32/strassenumbenennung-offenbach-am-main-bismarckstrasse-kolonialismus-haftbefehl-rapper/komplettansicht

(2)
https://www.fr.de/frankfurt/frankfurt-kolonialismus-kolonialzeit-strassennamen-geschichte-postkolonial-13843609.html

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