Nach falscher Verdächtigung durch Gil Ofarim: Wo bleibt Solidarität mit Hotelmitarbeiter?

Guten Morgen liebe Hessen,

Ein besonders schwerer Fall von Antisemitismus schlug im Oktober vergangenen Jahres hohe Wellen. Ein damals weithin unbekannter Sänger behauptete, in einem Leipziger Hotel antisemitisch beleidigt worden zu sein. Angeblich habe ihn an der Hotelrezeption ein Mitarbeiter mit dem Satz „Packen Sie Ihren Stern ein!“ aufgefordert, seine Kette mit dem Davidsstern abzulegen. Der Sänger verbreitete seine Version des Vorfalls bei Instagram und erstattete eine Woche später Strafanzeige gegen den Hotelmitarbeiter, der jedoch den Vorfall bestritt (1). Der Fall rief sofort weit über die Landesgrenzen hinaus Bestürzung hervor und veranlasste zahlreiche Politiker zu Solidaritätsbekundungen. So zeigte sich der – für den Vorfall eigentlich unzuständige – damalige Bundesaußenminister Heiko Maas „bestürzt und fassungslos über die mutmaßlichen Äußerungen gegen Gil Ofarim“, kommentierte das Ereignis fachkundig: „Leipzig ist kein Einzelfall“ und forderte einen „Schulterschluss der Gesellschaft“ gegen Antisemitismus. Alle müssten sich daher „immer und überall“ dem Antisemitismus entgegenstellen (2). Der Vorsitzende des Zentralrats des Juden – Josef Schuster – verlangte eine Entschuldigung des Leipziger Hotels (3). Und noch am Tag des Vorfalls fand vor dem Hotel eine große Solidaritätsdemonstration für den Sänger mit Boykottaufrufen gegen das Hotel statt. Selbstverständlich hatte kein einziger der Empörten auch nur ansatzweise gefragt, ob die Darstellung des Sängers zutrifft oder gar abgewartet, wie sich das Hotel zu den Vorwürfen äußerte.

Im vorliegenden Fall wäre das sicher besser gewesen. Denn einige Wochen später veröffentlichte die BILD-Zeitung mehrere Videos und Fotos, die den Sänger an dem besagten Abend in der Hotellobby zeigen. Zu sehen ist er beim Betreten des Hotels, im Gespräch mit einer Person an der Rezeption und beim Verlassen des Hauses. Gut zu erkennen ist, dass der Sänger eine geöffnete Lederjacke trägt, darunter ein T-Shirt. Was nicht zu sehen ist, ist jedoch die silberne Kette mit dem auffällig großen Davidstern, die er später in seinem Instagram-Video präsentiert. In seiner Vernehmung sagte er später aus, er könne nicht mehr sagen, ob er beim Einchecken im Hotel die Kette überhaupt bzw. sichtbar getragen habe (1). Darum gehe es aber auch nicht, sondern darum, dass er antisemitisch beleidigt worden sei (4). Dabei war es genau diese Kette, die der angebliche Auslöser der angeblichen Beleidigung gewesen sein soll. Offensichtlich ging es dem Sänger einfach um mediale Aufmerksamkeit, die ihm die Öffentlichkeit aufgrund seines Gesangs möglicherweise verweigert hatte.

Nunmehr hat die Leipziger Staatsanwaltschaft beim Landgericht Anklage gegen den Musiker wegen falscher Verdächtigung und Verleumdung erhoben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, während einer Vernehmung durch die Polizei „wider besseren Wissens“ Anzeige wegen Verleumdung gegen den Angestellten gestellt zu haben (5). Nach Auswertung der Überwachungsvideos kam die Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis, dass sämtliche Schilderungen des Sängers komplett erfunden waren (6). Das Ermittlungsverfahren gegen den zu Unrecht beschuldigten Hotelmitarbeiter wurde eingestellt, da sich kein hinreichender Tatverdacht ergeben hat. Der Hotelmanager plant, aufgrund des wirtschaftlichen Schadens auch zivilrechtlich gegen den Sänger vorzugehen (7).

Der Zentralrat der Juden warnte jetzt vor einer Vorverurteilung des Sängers (8). Auf eine Entschuldigung wegen der Vorverurteilung des Hotelmitarbeiters durch den Zentralratsvorsitzenden oder einen der anderen Berufsempörten wartet man bislang vergebens.

Ihr Rainer Rahn

Landtagsabgeordneter

(1) https://www.bild.de/bild-plus/unterhaltung/leute/leute/trug-gil-ofarim-die-davidstern-kette-im-hotel-es-geht-um-was-groesseres-77979224,la=de.bild.html

(2) https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-10/antisemitismus-gil-ofarim-leipzig-westin-hotel-davidstern-heiko-maas-rede

(3) https://www.welt.de/politik/deutschland/article234902904/Josef-Schuster-nennt-AfD-Aeusserungen-Katalysator-fuer-Antisemitismus.html

(4) https://www.focus.de/kultur/vermischtes/geht-nicht-darum-ob-die-kette-zu-sehen-war-nach-antisemitismus-vorfall-neue-videoaufnahmen-zeigen-gil-ofarim-ohne-davidstern-kette_id_24339367.html

(5) https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2022/anklage-gegen-gil-ofarim/

(6) https://zeitung.faz.net/webreader-v3/index.html#/468954/7

(7) https://www.bild.de/unterhaltung/leute/leute/musiker-gil-ofarim-wegen-falscher-verdaechtigung-angeklagt-79626988.bild.html

(dd) https://epaper.fnp.de/webreader-v3/index.html#/473503/2-3

Weitere interessante Beiträge

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren