Nächste Herausforderung fürs Gesundheitssystem: Beachtung der kulturellen Vielfalt

Guten Morgen liebe Hessen,

Das Deutsche Ärzteblatt, das jedem Mitglied der Ärztekammer wöchentlich zugeht, beschäftigt sich vorwiegend mit medizinischen Themen, hin und wieder aber auch mit wichtigen „Themen der Zeit“ – wie z.B. in der aktuellen Ausgabe vom 22.10.2021. Der Beitrag stammt von Peter Bröckerhoff, M.A. vom „Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health“ der Universität Köln und trägt den Titel: „Bedarfe der Gesundheitsversorgung – Biografische und kulturelle Vielfalt beachten“ (1).

Der Autor stellt einen „tiefgreifenden Wandel“ der Gesellschaft fest, der sich u.a. in einer „kulturelle Diversität“ zeigt. Damit ändern sich dann „nicht nur die medizinischen Bedarfe, sondern auch die persönlichen Bedürfnisse, Erwartungen und Ansprüche an die öffentliche Gesundheitsversorgung, wodurch das Gesundheitssystem vor neue inhaltliche und strukturelle Herausforderungen gestellt wird“. Denn die Bedarfsgerechtigkeit der medizinischen Versorgung wird im deutschen Gesundheitssystem durch das SGB V konkretisiert, das festlegt, dass die Leistungen „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ sein müssen und „das Maß des Notwendigen nicht überschreiten“ dürfen. Bestimmt wird dies durch den jeweiligen medizinischen Standard. Dabei bleibt nach Auffassung des Autors jedoch ein wesentlicher Aspekt der Bedarfsgerechtigkeit unberücksichtigt: die persönliche kulturelle Situation des Patienten. Was der Autor verschweigt (oder wahrscheinlich nicht weiß): genau das ist einer der Gründe, warum die Medizin in Deutschland nach wie vor weltweit führend ist. Und auch der Grund, warum viele Migranten und Medizintouristen gerade nach Deutschland kommen.

Dennoch beklagt der Autor, dass die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen immer „in soziale und kulturelle Kontexte eingebunden“ ist, denn „das Verständnis von Gesundheit und Krankheit ist abhängig von Normen und Wertvorstellungen, die auch vom kulturellen Kontext geprägt sind“. So könne z.B. ein „gerechtigkeitsrelevantes Problem entstehen, wenn ein medizinischer Bedarf bei einer Person besteht, diese aber zum Beispiel wegen sprachlicher Barrieren medizinische Leistungen nicht nachfragt“ (1). Woher diese sprachlichen Barrieren kommen, hat der Autor nicht nachgefragt. Hätte er es getan, wäre er zu dem Ergebnis gekommen, dass es in Deutschland zahlreiche Mitbürger mit Migrationshintergrund gibt, die seit Jahrzehnten hier leben, aber dennoch die deutsche Sprache kaum beherrschen und ihrem Arzt außer „Doktor, viel Schmerz“ oder „diese Tablett nix gut“ nichts mitzuteilen haben.

Dennoch fordert der Autor „Kultur- und Sprachmittler“, um einen gerechten Zugang zu Gesundheitsleistungen zu schaffen und eine Berücksichtigung „gruppenspezifischer kultureller Merkmale“ (1). Viele der kulturellen Merkmale sind den meisten Klinikärzten seit langem bekannt. Fast jeder Arzt dürfte die Situation kennen, dass eine Patientin mit Kopftuch die Behandlung durch den Arzt ablehnt und vehement eine Ärztin fordert. Und das nicht etwa bei gynäkologischen Fragestellungen, sondern bei einer Handverletzung oder einer augenärztlichen Untersuchung. Und ebenso dürfte den meisten Ärztinnen die Situation geläufig sein, dass sie von einem männlichen Patienten abgelehnt wird – selbst wenn es sich um die Oberärztin oder Klinikleiterin handelt.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) Dtsch Arztebl 2021; 118(42): A 1924–9

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