PROZESS ZUR STUTTGARTER KRAWALLNACHT: Täter sieht sich in „Gruppenbewegung hineingezogen“

Guten Morgen liebe Hessen,

Knapp fünf Monate nach der „Stuttgarter Krawallnacht“ sind die ersten Urteile gegen Randalierer gefallen. Nicht schnell – aber immerhin angemessen. Zahlreiche Randalierer zogen am späten Abend des 20. Juni durch Stuttgart, verletzten Polizeibeamte, plünderten Geschäfte und demolierten Autos. Von den Ausschreitungen gibt es zahlreiche Videos, die teilweise erschreckende Szenen zeigen: johlende Randalierer zertrümmern Schaufensterscheiben und zerstechen Reifen von Streifenwagen, an einer Stelle ist nach Angaben der Polizei ein versuchtes Tötungsdelikt zu erkennen, als mehrere Randalierer auf einen Mann einprügeln (1).

Das Amtsgericht Stuttgart hat einen 18 Jahre alten Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit und kosovarischen Wurzeln wegen schweren Landfriedensbruchs und schwerer Körperverletzung zu einer Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren ohne Bewährung verurteilt. Ungewöhnlich an dem Urteil ist, dass sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidiger auf eine Bewährungsstrafe plädiert hatten. Vor Gericht zeigte der Angeklagte Reue: „Ich habe mich da einfach mitgehen lassen, ich habe das gar nicht durchdacht“. Er sei betrunken und zudem von den Corona-Verordnungen „frustriert“ gewesen. Ein weiterer 19-jähriger Angeklagter wurde wegen Landfriedensbruchs ebenfalls zu zweieinhalb Jahren verurteilt (2).

Nach dem Urteil sagte der Verteidiger, sein Mandant sei „entsetzt“ und kündigte an, Berufung gegen das Urteil einzulegen, das er als „nicht akzeptabel“ bezeichnete. Auch die Betreuerin des Jugendamtes hatte vor Gericht ausgeführt, dass sich der Täter „auf dem richtigen Weg“ befinde. Der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner hatte sofort eine Erklärung für das völlig inakzeptable Verhalten des Täters parat: „Es ist nachvollziehbar, dass man sich vergisst in der Dynamik. Es gibt Momente, in denen man in eine Gruppenbewegung hineingezogen wird. Man gibt dann seine Individualität auf, verliert seine Selbstkontrolle und seine Normen“. Bereits eine Polizeikontrolle könnte der Anlass für einen Exzess sein: „Es entsteht ein psychologischer Mechanismus, die Anwesenden schließen sich zusammen, und plötzlich erkennen sie einen äußeren Feind, in diesem Fall die Polizei. Und dann explodiert so etwas, die Akteure legitimieren sich selbst und vergessen, dass das, was sie tun, strafbar ist“ (3).

Zu deutsch: der junge Mann konnte nicht anders handeln, da er unverschuldet in einen gruppendynamischen Prozess geriet, dem er sich nicht entziehen konnte. Da versucht ein Sozialpsychologe wieder einmal mit pseudowissenschaftlichem Anstrich, einen Täter mit Migrationshintergrund von jeder individuellen Schuld freizusprechen. Der wurde in eine „Gruppenbewegung hineingezogen“, deren Anlass eine Polizeikontrolle war. Die Schlussfolgerung, die der Psychologe nahelegt, ist wohl: die Polizei ist Schuld – sie sollte zukünftig eben keine Jugendlichen mehr kontrollieren, um keine psychologische Mechanismen zu erzeugen, in denen der Einzelne seine Selbstkontrolle verliert. Da wird das Opfer wieder einmal zum Täter gemacht.

Bezeichnend dabei ist: selbst der Staatsanwalt hatte bei dem jetzt Verurteilten eine milde Bewährungsstrafe gefordert – also eine Strafe, die vermutlich weder bei dem Verurteilten noch bei den Mittätern eine Wirkung zeigen wird. Aber die durch das Gericht verhängte Strafe wird kaum Bestand haben: die nächste Instanz wird das Urteil mit hoher Wahrscheinlichkeit aufheben.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://www.bild.de/news/inland/news-inland/knallhart-urteil-18-jaehriger-stuttgart-randalierer-zu-haftstrafe-verurteilt-73869694.bild.html
(2) https://zeitung.faz.net/webreader-v3/index.html 11.11.2020
(3) https://www.focus.de/panorama/welt/wird-zur-abschreckung-beitragen-stuttgarter-krawallnacht-junger-randalierer-erhaelt-ungewoehnlich-harte-strafe_id_12643719.html

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