Rassismus oder Risikoabwägung?

Guten Morgen liebe Hessen,

Nachdem in den USA ein afro-amerikanischer Krimineller bei einem Polizeieinsatz getötet wurde, ist die Rassismus-Debatte in den USA wieder eskaliert. Das Ereignis wurde auch in Deutschland zum Anlass genommen, wieder den „Alltagsrassismus“ zu beklagen. Es gibt zwar – so werden wir immer wieder belehrt – keine Rassen, aber dafür umso mehr Rassismus. Und den gibt es in vielfältiger Form: Rassismus gegen People-of-Color, gegen Frauen, gegen Homosexuelle, gegen Muslime – also gegen alle Gruppen, die sich in irgendeiner Weise diskriminiert oder benachteiligt fühlen. Und das sind viele. Fast jeder, der in Schule oder Beruf scheitert, der bei einer Job- oder Wohnungsvergabe nicht berücksichtigt oder in einem Club nicht eingelassen wird oder der in eine Ticket- oder Polizeikontrolle gerät und einer diskriminierungsfähigen Minderheit angehört, glaubt, dass das Scheitern darin begründet ist, dass man ihn wegen eines bestimmten Merkmals – Herkunft, Religion, Sprache oder was auch immer – abgelehnt wird. Nur wenige suchen die Ursache des Scheiterns bei sich selbst: bin ich bei der Prüfung durchgefallen, weil ich die Fragen falsch beantwortet habe oder habe ich den Job nicht bekommen, weil meine Qualifikation nicht ausreicht oder wurde ich kontrolliert, weil ich einem Passanten ein Drogenpäckchen angeboten habe?

Inzwischen sind alle Zeitungen voll mit Artikeln über den „Alltagsrassismus“ – also den allgegenwärtigen Rassismus, von dem wir alle befallen sind. Natürlich nicht alle, sondern nur diejenigen, die selbst nicht Opfer des Rassismus sein können: also diejenigen, die nicht farbig sind, die keine Muslime sind, keine Transpersonen oder Homosexuelle. Und denen muss erstmal bewusst gemacht werden, dass sie rassistisch sind – so jedenfalls Sarah Shiferaw, ist Koordinatorin für Migration beim Bundesverband der Volkssolidarität: „Viele Menschen merken nicht, dass sie rassistische Stereotype reproduzieren“. Wo Alltagsrassismus beginnt, könne jeder bei sich selber mit einfachen Fragen überprüfen: „Neben wen setze ich mich im Bus lieber? Neben die Frau mit dem Kopftuch, den Schwarzen oder den weißen Handwerker? Die arabische Familie oder die deutsche Oma?“ (1). Was die Koordinatorin verschweigt: wen man sich als Sitznachbar aussucht, hängt in vielen Fällen vielleicht einfach mit früheren negativen Erfahrungen zusammen. Eine Frau, die von einem Mann mit bestimmten Merkmalen belästigt wurde, bleibt im Bus vielleicht lieber stehen als sich neben einen Mann mit diesen Merkmalen zu setzen – auch wenn der vielleicht völlig harmlos ist. Und wer als Vermieter mit Angehörigen einer bestimmten Gruppe negative Erfahrungen gemacht hat, meidet zukünftig die Gruppe als Mieter.

Das mag ein Vorurteil sein – aber Vorurteile sind nicht selten hilfreich. Denn sie beruhen auf Erfahrungen. Und der Überlegung, bei Entscheidungen die Risiken zu minimieren. Und eine Risikoabwägung beruht immer auf – eigenen oder fremden – Erfahrungen. Wenn ein bestimmtes Merkmal statistisch mit einem höheren Risiko verbunden ist, versucht man Personen zu vermeiden, die dieses Merkmal tragen. Das ist allgemein üblich und hat mit Diskriminierung oder Ausgrenzung nichts zu tun. So gibt es viele Autovermieter, die grundsätzlich nicht an Personen unter 25 oder über 80 Jahren vermieten, weil die überdurchschnittlich häufig Unfälle verursachen. Das trifft dann auch Personen, die tatsächlich kein höheres Risiko darstellen. Die empfinden das vielleicht als ungerecht, aber es ist das legitime Ergebnis einer Risikoabwägung.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/rassismus-sarah-shiferaw-gegen-stammtischparolen-rassistisch-ich-doch-nicht-li.80271

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