SCHON ÜBER 800 MILLIARDEN ENTWICKLUNGSHILFE: Großer Teil floss nicht in Entwicklungsprojekte, sondern in Privatvermögen korrupter Eliten

Guten Morgen liebe Hessen,

Entwicklungshilfe (heute politisch korrekt als Entwicklungszusammenarbeit bezeichnet) hat das Ziel, globale Unterschiede in der sozioökonomischen Entwicklung und in den allgemeinen Lebensbedingungen abzubauen. Dabei wird zwischen den Industrienationen und sog. „Entwicklungsländern“ unterschieden, also Ländern die – so jedenfalls legt es die Bezeichnung nahe – unterentwickelt bzw. in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind. Bereits diese Bezeichnung ist zutiefst rassistisch, denn sie teilt die Länder in solche ein, die in ihrer Entwicklung höher stehen als andere Länder, die unterentwickelt sind. Schlimmer noch: es wird dabei unterstellt, dass die Entwicklungsländer deshalb unterentwickelt sind, weil sie selbst zu dieser Entwicklung nicht in der Lage sind und daher externe Hilfe benötigen.

Dabei wollen diese Länder – bzw. deren Bevölkerung – möglicherweise überhaupt keine „Entwicklung“, wie sich etwa in den Industrienationen Europas oder Nordamerikas vollzogen hat. Denn die Industrialisierung hat nicht nur Vorteile, sondern auch zahlreiche Probleme und Nachteile mit sich gebracht: Verlust der Selbstbestimmung bei der Arbeit, Umweltbelastung und Umweltzerstörung, Beeinträchtigung familiärer Strukturen. Industrienationen haben einen immensen und ständig zunehmenden Energie- und Strombedarf, dessen Erzeugung und Sicherstellung immer aufwendiger wird. Möglicherweise lehnen viele Länder diese Entwicklung ab, weil ihnen die Nachteile gegenüber den Vorteilen zu überwiegen scheint.

Aber der Begriff der Entwicklung wird praktisch ausschließlich aus der Perspektive der Industrieländer betrachtet, wobei postuliert wird, dass eine Entwicklung wie in den Industrieländern per se positiv ist und von allen anderen Ländern auch angestrebt wird bzw. werden sollte. Dabei werden subsistenzorientierter traditioneller Wirtschaftssysteme mehr oder weniger deutlich als „unterentwickelt“ betrachtet, ohne deren Bedeutung zur Sicherung weitgehend unabhängiger, sozial und ökologisch nachhaltiger Existenz anzuerkennen (1). Denn in vielen Regionen haben selbst hergestellte Güter und traditionelles Wissen den Menschen jahrtausendelang eine weitgehende Bedürfnisbefriedigung bei – im Vergleich zur Industriegesellschaft – freierer Gestaltung der Arbeit und Freizeit ermöglicht (2).

Und gerade in Afrika – wichtigstes Zielgebiet der Entwicklungshilfe – stellt in seiner Gesamtheit als Musterbeispiel für eine fehlgeleitete Entwicklungspolitik dar. Seit der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten um 1960 flossen insgesamt mehr als 800 Milliarden Euro an Entwicklungshilfe in den Kontinent an Afrika geleistet, die jedoch im Ergebnis wenig gebracht haben – jedenfalls wenn man Lebensstandard und Einkommenssituation der Bevölkerung betrachtet. Eine der Ursachen liegt darin, dass ein erheblicher Teil der Zahlungen nicht in Entwicklungsprojekte geflossen ist, sondern in das Privatvermögen korrupter Eliten (3, 4). Soweit die Zahlungen aber tatsächlich bei der Bevölkerung angekommen waren, haben diese die Grundproblematik nicht beseitigt, sondern im Gegenteil nur eine Abhängigkeit von dieser Hilfe geschaffen erzeugt (5). Und das ist möglicherweise auch genau das Ziel der Entwicklungshilfe.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter


(1) Vandana Shiva: How To End Poverty: Making Poverty History And The History Of Poverty
(2) Edward Goldsmith: Der Weg. Ein ökologisches Manifest. 1. Auflage, Bettendorf, München 1996, S. 201ff
(3) Entwicklungshilfe – Ein Marshall-Plan löst Afrikas Probleme nicht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. faz.net. 29. Januar 2017
(4) http://documents.worldbank.org/curated/en/493201582052636710/pdf/Elite-Capture-of-Foreign-Aid-Evidence-from-Offshore-Bank-Accounts.pdf
(5) Geld allein hilft nicht. Interview mit Franz Nuscheler.. In: Die Zeit. 15. September 2005

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