Sinti und Roma mit ukrainischen Pässen: Zentralrat fordert Abbau von Vorurteilen

Guten Morgen liebe Hessen,

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung – Reem Alabali-Radovan (SPD) – beklagte die unterschiedliche Behandlung von Migranten, insbesondere von Flüchtlingen aus der Ukraine und anderen „Schutzsuchenden“, die sich „als Flüchtlinge zweiter Klasse fühlen“. Sie beschwerte sich, dass Migranten oft nach ihrer Herkunft gefragt würden (1). Verständlich, aber keineswegs rassistisch. Denn bei den Schutzsuchenden aus Syrien oder Afghanistan z.B. handelt es sich ganz überwiegend um junge muslimische Männer, während aus der Ukraine fast nur Frauen mit Kindern aus einem christlich-orthodoxen Umfeld kommen.

Kürzlich meldete die Presse, dass es in einer Münchner Flüchtlingsunterkunft zu Ausschreitungen gekommen sei, bei denen mehr als 50 Personen mit Eisenstangen bewaffnet Sicherheitsmitarbeiter bedroht hätten. An dem Tumult seien „zwei Großfamilien der Sinti und Roma“ mit ukrainischen Pässen beteiligt gewesen (2). Derzeit sind mehr als 2.000 Personen in den Messehallen auf dem ehemaligen Flughafengelände Riem untergebracht, von denen 70 bis 80 Prozent Roma sind, darunter viele Analphabeten. Teilweise werden Hilfsangebote wie eine medizinische Versorgung oder Impfungen abgelehnt. Die Roma beklagen sich, dass sie „kaum einer aufnehmen“ will. Gerade große Familien „wollen nicht getrennt werden“ und finden dann keine Unterkunft. Wenn andere Kriegsflüchtlinge, die nach ihnen in der Sammelunterkunft angekommen waren, schnell in eine neue Unterkunft ziehen, reagieren die Mitglieder der Großfamilien mit Unverständnis und „Unmutskundgaben“. Auch der Zentralrat der Sinti und Roma beklagt, dass „kaum jemand Roma privat bei sich aufnehmen“ möchte (3). Nachvollziehbar, da kaum jemand Platz für Mitglieder einer Großfamilie haben dürfte, die nicht getrennt werden wollen.

Helfer in der Unterkunft berichten, dass die Stimmung „angespannt, manchmal fast explosiv“ sei. Teilweise würden Sicherheitsleute angegriffen und bespuckt. Unter den ukrainischen Geflüchteten kursieren in den sozialen Netzwerken Videos von „aggressiven Roma, die Stühle zertrümmern oder Frauen, die ihre bunten Röcke ausbreiten“. Sie befürchten, dass dieses Verhalten „auf uns alle zurückfallen“ würde (3). Die Befürchtung dürfte kaum berechtigt sein, denn die meisten sind durchaus in der Lage, zu differenzieren.

Nach Angaben des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma lebten vor dem Krieg in der Ukraine etwa 400.000 Roma, von denen nach Kriegsausbruch mehrere 10.000 Roma aus der Ukraine geflüchtet sind. Der Politologe Radoslav Ganev vom Münchner Verein RomAnity berichtete, dass viele von ihnen bereits auf ihrer Flucht „massive Diskriminierung und Antiziganismus“ erfahren hätten. Viele Roma kämen nun nach Deutschland: weil sie in den Nachbarländern der Ukraine massiv angefeindet würden. Der gemeinnützige Verein will „durch Information Vorurteile gegen Roma“ abbauen, die nach Angaben des Vorsitzenden des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma „seit Jahrhunderten tief in Europas Gesellschaften verankert“ seien (2, 3). Das mag zutreffen, sollte aber Grund genug sein, darüber nachzudenken, was die Ursachen dieser Vorurteile sind.

Ihr Rainer Rahn

Landtagsabgeordneter

(1) https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2022/integrationsbeauftragte-fluechtlinge-fuehlen-sich-zweitrangig/

(2) https://www.focus.de/politik/unbeliebte-fluechtlinge-roma-familien-aus-der-ukraine-stossen-oft-auf-ablehnung_id_77117005.html

(3) https://www.focus.de/panorama/welt/viele-roma-unter-ukraine-fluechtlingen-sie-will-kaum-einer-aufnehmen_id_79058468.html

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