Skandal im Frankfurter Römer – angebliche antisemitische Angriffe auf KAV-Vorsitzenden

Guten Morgen liebe Hessen,

Wieder ein Fall von Antisemitismus – diesmal im Frankfurter Stadtparlament. Betroffen ist der Stadtverordnete Jumas Medoff (Ich bin ein Frankfurter – IBF). Medoff wurde in Baku (Aserbaidschan) geboren und wuchs dort auch auf. Vor etwa 20 Jahren kam er nach Frankfurt und studierte an der Goethe-Universität Politologie mit dem Abschluss als Diplom-Politologe. Seit 2010 ist er Mitglied der kommunalen Ausländervertretung (KAV), seit 2016 deren Vorsitzender. Seit 2021 sitzt er zusätzlich im Stadtparlament (1).

Medoff stammt aus einer „jüdisch-muslimischen Familie“ (was immer das sein mag), ist jedoch selbst nicht religiös und berichtete, er habe vor zwei Wochen einen Drohbrief erhalten, in dem er gewarnt wird: „Pass gut auf Dich und Deine Familie auf“ sowie „Juden raus aus der KAV“. Die Frankfurter KAV besteht aus 37 Mitgliedern aus fast ebenso vielen – heterogenen – Gruppierungen, die teilweise untereinander zerstritten sind. So gab es in KAV-Sitzungen wiederholt Tumulte und lautstarke Auseinandersetzungen. Bereits in der ersten Sitzung entstand bei der Wiederwahl Medoffs erheblicher Streit unter den KAV-Vertretern. Verschiedene Mitglieder hatten von Bedrohungen von Unterstützern Medoffs berichtet, was er selbst bestritt. Kurze Zeit später zog Medoff „scharfe Kritik unter anderem von der Stadtverordnetenvorsteherin auf sich, als er in einer KAV-Sitzung unbewiesene Gerüchte über Die PARTEI“ verbreitete (2).

Nun berichtet Medoff, dass er „von anderen Politikern antisemitisch angegangen“ worden sei. Gewählte Vertreter „aus dem Umfeld der Stadtverordnetenversammlung und der Ausländervertretung hätten ihn angesprochen und erklärt: „Ein Jude hat in der Politik nichts zu suchen“. Wer konkret ihn angegangen hat, wollte Medoff „vorerst nicht sagen“. Medoff vermutet „antisemitische Motive“ sowie und Neid als Grund, „da die KAV so erfolgreich arbeite“ (2). Die Reaktion auf diese „antisemitischen Angriffe“ blieben nicht aus. Erschüttert zeigte sich die Stadtverordnetenvorsteherin Hilime Arslaner-Gölbasi (Grüne), die die Bedrohungen als völlig inakzeptabel bezeichnete. Weitere Stadtverordnete, Landtagsabgeordnete und der Oberbürgermeister verurteilten die Angriffe. Inzwischen ermittelt der Staatsschutz (2).

Der eine oder andere wird sich bei dem Vorfall möglicherweise an die antisemitische Attacke auf den weltberühmten Sänger Gil Ofarim erinnern. Der verbreitete im Oktober 2021 bei Instagram ein Video mit dem Vorwurf, von einem Rezeptionisten des Hotels The Westin Leipzig antisemitisch beleidigt worden zu sein. Der Mitarbeiter habe ihn aufgefordert, seine Halskette mit Davidstern abzulegen, da er ansonsten nicht einchecken könne (3). Das Video löste eine weltweite Empörungswelle aus. Der Bundesaußenminister (eigentlich für Leipzig nicht zuständig) zeigte sich der bestürzt und forderte mehr Einsatz gegen Judenhass (4). Und auch der Vorsitzende des Zentralrats meldete sich sofort zu Wort: „Warum hat niemand protestiert? (…) Wo waren die anderen Menschen in der Schlange? (…) Die antisemitische Anfeindung, die Gil Ofarim in Leipzig offensichtlich erlebt hat, ist erschreckend. Das ist der Alltagsantisemitismus, dem Jüdinnen und Juden immer wieder ausgesetzt sind“ (5).

Heute wissen wir, warum niemand protestiert hat: weil offensichtlich niemand das wahrgenommen hat, was der Sänger so empört berichtet hat – weder die Hotelmitarbeiter noch die zahlreichen in der Hotellobby wartenden Gäste (6).

Ihr Rainer Rahn

Landtagsabgeordneter

(1) https://frankfurt.de/service-und-rathaus/verwaltung/aemter-und-institutionen/geschaeftsstelle-der-kav/die-kav/mitglieder-der-kav/jumas-medoff—ibf

(2) Frankfurter Neue Presse Stadtausgabe vom 22.02.2022; Seite: 8 Ressort: Lokales

(3) https://www.n-tv.de/leute/Gil-Ofarim-erlebt-Antisemitismus-in-Leipzig-article22847280.html

(4) https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-10/antisemitismus-gil-ofarim-leipzig-westin-hotel-davidstern-heiko-maas-rede

(5) https://www.rtl.de/cms/antisemitismus-in-leipzig-zentralrat-der-juden-fordert-nach-attacke-gegen-gil-ofarim-zivilcourage-4843177.html

(6) https://www.spiegel.de/panorama/justiz/gil-ofarim-hotel-in-leipzig-sieht-keine-anhaltspunkte-fuer-massnahmen-gegen-mitarbeiter-a-f9ce198e-fe95-4974-93ce-8da8a3f6c13e

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