…UND TÄGLICH GRÜSST DER EINZELFALL: Wohlwollende Berichterstattung zu grausamen Taten

Guten Morgen liebe Hessen,

Neben „Merkel“ und „Mohr“ dürfte seit längerer Zeit das Wort „Messer“ in der Presse eines des häufigsten sein. Denn seit einigen Jahren liest man fast täglich von Messerangriffen oder Messermorden, wobei die genannten Begriffe nur selten verwendet werden. Meist ist von einer „Rangelei unter Jugendlichen“ oder einem „Streit zwischen jungen Männern“ die Rede, in deren Verlauf der eine oder andere verletzt wurde oder „verstarb“ – so als sei der Tod eher zufällig beim Anblick des Messers eingetreten, ohne dass ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Messer und dem Ableben eines der Beteiligten bestand. Bei den Akteuren handelt es sich regelmäßig um „Männer“, „junge Männer“ oder „Jugendliche“, über deren Herkunft nur selten berichtet wird und wenn, dann eher beiläufig am Ende des Berichts.

Möglicherweise gehen die Journalisten – wohl nicht zu Unrecht – davon aus, dass die meisten Leser nur die Überschrift oder die ersten Sätze lesen.
Und so wurde vor einigen Tagen von einem 21-jährigen Mann berichtet, der in Magdeburg an einer Straßenbahnhaltestelle eine Frau mit einem Messer attackierte und verletzte und anschließend die Fahrgäste einer Straßenbahn bedrohte. Zwei Autofahrer konnten den Mann überwältigen und der Polizei übergeben. Es handelte sich bei dem Angreifer um einen Syrer, über den keine weiteren Angaben gemacht wurden (1).

Während bei dem Ereignis zwei Personen – soweit bekannt nur leicht – verletzt wurden, hatte ein anderer „Vorfall“ weit schwerwiegendere Folgen. Im bayerischen Plattling wurde eine 20-jährige Frau von einem 28-jährigen Mann erstochen. Der Tatverdächtige war offensichtlich der Lebensgefährte der Frau. Als diese ihn an seiner Arbeitsstelle in einem Imbiss aufsuchte, kam es zum Streit, in dessen Verlauf die Frau mit einem Messer getötet wurde. Im Auto der Frau befand sich das etwa acht Monate alte gemeinsame Kleinkind der Beteiligten. Bei dem Tatverdächtigen, der an Ort und Stelle festgenommen werden konnte, handelt es sich um einen afghanischen Staatsangehörigen. Der Bürgermeister der Stadt sprach von einem „absolut tragischen Fall“, den er „mit großem Entsetzen“ wahrgenommen habe (2).

Mit der Bezeichnung „tragischer Fall“ soll das Ereignis vermutlich sprachlich in den Kontext der griechischen Tragödie gesetzt werden, bei dem der Protagonist in eine so ausweglose Lage geraten ist, so dass er die Katastrophe nicht vermeiden kann. Er wird damit „schuldlos schuldig“. Und vielleicht hat der Bürgermeister genau das beabsichtigt: den Eindruck zu erwecken, der Täter habe nicht anders handeln können, um den Ermittlungsbehörden und dem Gericht den Weg zu ebnen zu einem milden Urteil wegen geringer Schuld oder auswegloser Situation. Und möglicherweise hat er damit sogar Recht. Es ist durchaus denkbar, dass der Tatverdächtige subjektiv nicht anders handeln konnte, weil seine Tat in der gegebenen Situation (vielleicht wollte ihn die Frau mit dem Kind verlassen) für ihn subjektiv nur eine Lösung zuließ: die Tötung der Frau.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2020/autofahrer-ueberwaeltigen-syrischen-messer-angreifer/
(2) https://www.pnp.de/lokales/landkreis-deggendorf/plattling/Frau-in-Plattling-erstochen-Verdaechtiger-war-ihr-Lebensgefaehrte-3752216.html

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