US-Rassismus – nächster US-Präsident wird alt, weiss und männlich

Guten Morgen liebe Hessen,

Die Ergebnisse der Vorwahlen bei der US-Präsidenten-Wahl hat bei einem Kommentator der ZEIT Entsetzen ausgelöst. Unter der Überschrift „Weiß setzt sich durch – leider“ schreibt er: „Der nächste US-Präsident wird mit großer Wahrscheinlichkeit alt, weiß und männlich sein. Angesichts der demografischen Entwicklung ein problematischer Anachronismus“ (1). Denn die Wahl wird voraussichtlich zwischen drei alten weißen Männern entschieden: Donald Trump (73), Bernie Sanders (78) und Joe Biden (77). So jedenfalls nach dem derzeitigen Stand der Vorwahlen.

Doch was soll daran anachronistisch sein? Ein Anachronismus bezeichnet ein Ereignis, das nicht bzw. nicht mehr zeitgemäß oder überholt ist. Der aktuelle Stand der Kandidaten-Kür ist das Ergebnis eines etwas umständlichen, aber in jedem Fall demokratischen Wahlverfahrens. Und aus diesem Verfahren sind tatsächlich drei alte, weiße Männer hervorgegangen. Es hätten auch drei 20-Jährige, drei Frauen oder drei POC – oder eine Kombination daraus – sein können. Ist es aber nicht, weil die Wähler anders entschieden haben. Denn das ist das Grundprinzip einer demokratischen und freien Wahl: jeder kann sich bewerben und jeder kann völlig frei den Kandidaten wählen, den er wählen möchte. Der Wähler muss eine Wahl nicht begründen oder sich dafür rechtfertigen. Und das Ergebnis ist dann so wie es ist: wer die meisten Stimmen erhält, ist gewählt. Niemand weiß, wer wen gewählt hat und warum. Und bei zahlreichen Wählern ist die Wahl möglicherweise nicht einmal rational nachvollziehbar.

Und das Ergebnis einer demokratischen Wahl ist auch nicht repräsentativ hinsichtlich irgendwelcher Eigenschaften der gewählten Personen. Parlamente sind zwar ein Spiegel der Gesellschaft, aber praktisch nie repräsentativ für die Wähler. So sind in vielen Parlamenten Männer, Personen mittleren Alters und Akademiker überrepräsentiert, während andere gesellschaftliche Gruppen praktisch nicht vertreten sind. Aber genau das ist das Grundprinzip einer demokratischen Wahl: jeder Wähler kann frei wählen – ohne bestimmte Eigenschaften der Kandidaten berücksichtigen zu müssen – wie etwa Geschlecht, Alter, Religion, ethnische Zuordnung. Und wenn die Mehrheit der Wähler in den USA einen alten, weißen Mann als Präsidenten haben wollen, ist dies als Ergebnis einer Wahl nicht zu beanstanden. Und schon überhaupt nicht mit dem Argument, dass eine große Gruppe der US-Bürger inzwischen keine europäischen Wurzeln hat, sondern afrikanische oder lateinamerikanische.

Wenn ein Kommentator das Ergebnis einer demokratischen Wahl aus diesen Gründen bedauert, zeigt er damit nur ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie. Aber nicht nur das. Man stelle sich vor, es wären nicht alte, weiße Männer, sondern drei Frauen oder drei POC im Endspurt um die Präsidentschaft und der Kommentator hätte getitelt: „Schwarz setzt sich durch – leider“ oder „Frauen setzen sich durch – leider“. Ein Sturm der Entrüstung wäre über dem Kommentator und der ZEIT hereingebrochen. Bundespräsident und Kanzlerin hätten sich wegen dieser rassistischen und frauenfeindlichen Äußerungen zu Wort gemeldet, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, Frauenverbände, Presserat, sämtliche Zentralräte, katholische und evangelische Kirche und viele andere. Aber Rassismus gegen Weiße, Alte und Männer gibt es nicht. Und deshalb bleibt dieser Kommentar auch unbeanstandet.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter


(1) https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/us-praesidentschaft-alte-weisse-maenner-usa

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