Viele Erkrankungen und Tote vermeidbar: Keine Schlüsse aus fast zehn Jahre altem „Bericht zur Risikoanalyse“ gezogen

Guten Morgen liebe Hessen,

Der hessische Ministerpräsident führte in der 63. Sitzung des Landtags am 11.12.2020 in der Debatte um den Dringlichen Antrag Drucks. 20/4271 („Nächster Corona-Gipfel: Ministerpräsident muss Stellung nehmen“) wörtlich aus: „Weil sich dieses verdammte Virus in einer Weise verhält, wie wir es nicht für möglich gehalten haben“. Offensichtlich wollte der Ministerpräsident damit zum Ausdruck bringen, dass das – von ihm in seiner Rede angesprochene – SARS-CoV-2-Virus Eigenschaften und Verhaltensweisen zeigt, die völlig atypisch und überraschend sind und daher nicht vorhersehbar waren. Tatsächlich verhält sich das SARS-CoV-2-Virus exakt so, wie es in jedem Lehrbuch der Virologie steht. Das Virus verhält sich auch genauso wie das in einem hypothetischen Szenario dargestellte SARS-ähnliche Virus, das in dem vom Bundesministerium des Innern am 21.12.2012 dem Bundestag vorgelegten Bericht zur Risikoanalyse eine Pandemie auslöst (Deutscher Bundestag Drucksache 17/12051). Der in diesem Bericht modellierte hypothetische Verlauf einer Pandemie in Deutschland entspricht in allen Details – abgesehen von den unterstellten Zahlenangaben zur Inzidenz, Morbidität und Letalität – exakt dem bisherigen Verlauf der Corona-Pandemie. Auch die aktuell aufgetretenen Mutanten – u.a. B.1.1.7 (England-Variante), B.1.351 (Südafrika-Variante) und P.1 (Brasilien-Variante) – kommen keineswegs überraschend, sondern sind im Verlauf einer Pandemie zu erwarten gewesen.

Auf Nachfrage (Drs. 20 /4724) antwortete die Landesregierung, dass sie dieser Aussage ihres Ministerpräsidenten zustimmt: „Ja, die Landesregierung hat immer wieder betont, dass die pandemische Entwicklung sehr dynamisch verläuft und sich jeglicher Planbarkeit entzieht. Bei SARS-CoV-2 handelt es sich um ein neuartiges Virus, dessen wissenschaftliche Durchdringung andauert. Es versteht sich von selbst, dass allein aus abstrakten Überlegungen zu möglichen pandemischen Entwicklungen nicht vollständig auf den tatsächlichen Verlauf konkreter pandemischer Ereignisse geschlossen werden kann. Dies gilt insbesondere für zwar grundsätzlich vorhersehbare Mutationen, deren konkretes Auftreten schon im zeitlichen Verlauf aber kaum prognostizierbar ist“.

Da hat der Ministerpräsident den fast zehn Jahre alten „Bericht zur Risikoanalyse“ der Bundesregierung nicht zur Kenntnis genommen, in dem die aktuelle Pandemie exakt vorhergesagt wurde. Prognostiziert wurde dabei eine hypothetische Pandemie durch ein SARS-Virus, das aus Asien weltweit verbreitet wird. Die Pandemie verläuft in drei Wellen und hält bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffes an. Die Inkubationszeit beträgt 2 bis 14 (im Mittel 4) Tage. Die Erkrankung zeigt vor allem respiratorische Symptome und dauert zwischen einigen Tagen und Wochen. Der Verlauf ist vor allem bei alten Patienten länger und häufiger tödlich. Die Behandlung ist rein symptomatisch. Die Übertragung erfolgt hauptsächlich über Tröpfcheninfektion – insbesondere über Haushaltskontakte und im Krankenhausumfeld, aber auch in öffentlichen Transportmitteln, am Arbeitsplatz und in der Freizeit. Als Schutzmaßnahmen kommen vor allem Absonderung Erkrankter bzw. Ansteckungsverdächtiger, sowie den Einsatz von Schutzausrüstung wie Schutzmasken, Schutzbrillen und Handschuhen getroffen werden in Betracht. Daneben sollen Kontakte auf ein Minimum reduziert werden, z.B. durch Schulschließungen und Absagen von Großveranstaltungen (1).

So steht es im Bericht der Bundesregierung. Hätte der Ministerpräsident den gelesen und nach dieser Erkenntnis gehandelt, hätten vermutlich viele Erkrankungen und Todesfälle vermieden werden können.
Ihr Rainer RahnLandtagsabgeordneter
(1) Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012, Deutscher Bundestag Drucksache 17/12051

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