VORGESCHMACK AUF FUSSBALL WM 2022 IN KATAR: Leere Zuschauerränge, Hitzewallungen & sterile Atmosphäre bei Leichtathletik WM – das genaue Gegenteil des Sommermärchen 2006.

Guten Morgen liebe Hessen,

Sportverbände stehen heute vielfach in dem Ruf, korrupt zu sein. Dies gilt vor allem für die großen internationalen Verbände wie FIFA oder IOC. Diese verdienen mit ihren Großveranstaltungen viele Millionen, von denen die eigentlichen Akteure – die aktiven Sportler – meist nicht viel sehen. Und so verkommen Großveranstaltungen, die früher der friedlichen Begegnung zahlreicher Menschen dienten, zunehmend zu grotesken Schauspielen um Macht und Geld.

Aktuell ist es die Leichtathletik-WM in Katar. Viele fragen sich, warum gerade dort. Katar gilt nicht gerade als Mekka der Leichtathletik – im Gegenteil. Dieser Sport ist dort weitgehend unbekannt. Verständlich: bei den dort herrschenden Temperaturen bewegt man sich möglichst wenig, und auch das nur in klimatisierten Räumen. Wenn überhaupt jemand Sport treibt, dann bestenfalls Kamel- oder Autorennen.

Aber auch ansonsten ist das Land wenig prädestiniert als Austragungsort sportlicher Großveranstaltungen. Staatsreligion des Emirats ist der Islam und die Scharia ist die Hauptquelle der Gesetzgebung (1). Das politische System wird in der Verfassung zwar als „demokratisch“ bezeichnet, hat aber mit einer Demokratie im westlichen Sinne nichts zu tun. Der Emir ist zugleich Staatsoberhaupt und oberster Inhaber der exekutiven und legislativen Gewalt. Die Regierung wird von ihm ernannt und ist ihm alleine verantwortlich (2).

Warum also gerade Katar für eine Leichtathletik-WM – ein Land, dem praktisch alle Voraussetzungen dafür fehlen? Hier kann man nur spekulieren. Vielleicht war der Emir zu den Verbandsfunktionären besonders freundlich. Wie auch immer – die Athleten sind vor Ort und mühen sich bei 40 Grad im Schatten ab, nicht wenige kollabieren und müssen in die Klinik abtransportiert werden. Immerhin sind sie dabei weitgehend unbeobachtet. Das Lokale Organisationskomitee (LOC) räumte ein, dass die Zuschauerzahlen nach zwei „soliden Tagen“ am dritten unter den Erwartungen blieben: „Unter 50 Prozent“ – was 49 Prozent bedeuten kann aber auch zwei Prozent (3).

Die Funktionäre stört das offensichtlich wenig. Die Wettkämpfe sind weitgehend sinnfrei, da die Athleten kaum Leistung bringen können und die Zuschauer fehlen. Aber dafür stimmt die Kasse. Und auch dass die Sportstätten von Arbeitern errichtet wurden, die unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten, stört die Verantwortlichen vermutlich nicht. Genauso wenig, dass die Gebräuche und Gesetze des Landes durch den Islam und dessen Glaubensinhalte und Wertvorstellungen geprägt sind. So sind die Einfuhr und der Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit verboten, ebenso Homosexualität. Und bereits „unbedenkliche Äußerungen zu Religionsfragen können in Katar als Beleidigung des Islam oder des Propheten strafrechtlich verfolgt und mit Geld-, evtl. sogar Freiheitsstrafen geahndet werden“ (4).

Und die Leichtathletik-WM ist dabei nur der Auftakt für ein Sportevent, das unter normalen Bedingungen tatsächlich ein Magnet für Millionen ist: die Fußball-WM. Und die soll 2022 ebenfalls in Katar stattfinden. Die derzeitige WM gibt eine Vorstellung davon, wie die aussehen könnte: leere Zuschauerränge, Hitzewallung bei jedem Schritt und eine sterile Atmosphäre – also das genaue Gegenteil wie das Sommermärchen 2006.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

(1) A. Nizar Hamzeh: Qatar: The Duality of the Legal System
(2) Auswärtiges Amt: Auswärtiges Amt – Katar: Innenpolitik
(3) https://www.zeit.de/sport/2019-10/leichtathletik-wm-katar-leere-plaetze/komplettansicht
(4) https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/katar-node/katarsicherheit/202280#content_6

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