VORWÜRFE STATT SELBSTKRITIK: Rassismus als bequemes Universalargument

Guten Morgen liebe Hessen,

Deutschland ist die Hochburg des Rassismus. Diesen Eindruck erhält man jedenfalls, wenn man die Zeitungen liest. Oder wenn man den zahllosen Antirassisten Glauben schenkt, die sich täglich – meist ungefragt – zu Wort melden. Vielfach sind es Interessenvertreter von denjenigen, die sich als Opfer des Alltagsrassismus sehen und von rassistischen Begebenheiten berichten. Zum Beispiel, dass sie in der U-Bahn kontrolliert wurden, ob sie auch einen gültigen Fahrausweis besitzen. Und das, obwohl sie erkennbar eine dunkle Hautfarbe besitzen. Und die dann auch noch – wenn der Fahrschein versehentlich zuhause vergessen wurde – als „Schwarzfahrer“ bezeichnet wurden. Oder die einen Job nicht bekommen haben, obwohl sie sich beworben haben. Natürlich auch wegen der Hautfarbe und nicht etwa deshalb, weil wichtige Zeugnisse nicht beigebracht werden konnten. Oder die völlig arglos durch die Stadt laufen und dann an einem Haus ein großes Plakat sehen mit der Aufschrift: „Dachdecker-Betrieb Neger“, versehen mit der Abbildung eines dunkelhäutigen Menschen. Oder die in einer Zeitung mit der Darstellung des „Sarotti-Mohren“ konfrontiert werden. Die Liste ließe sich beliebig erweitern – der Rassismus ist allgegenwärtig, wird aber von den nicht-betroffenen Weißen überhaupt nicht wahrgenommen. Die kaufen ihr Aspirin nach wie vor gedankenlos in der „Mohren-Apotheke“ oder bestellen im Gasthaus ein „Zigeunerschnitzel“.

Es ist naheliegend, dass Personen in einer großen und homogenen Gruppe anderer Personen immer dann auffallen, wenn sie in ihrem äußeren Erscheinungsbild von der Gruppe abweichen. Ein Dunkelhäutiger fällt in einer Gruppe Hellhäutiger auf (und umgekehrt), ein Chinese in einer Gruppe von Norwegern (und umgekehrt), ein Rollstuhlfahrer in einer Gruppe von Fußgängern (und umgekehrt) und eine Frau in einer Gruppe von Männern (und umgekehrt). Alleine das sichtbare und auf den ersten Blick auffallende Abweichen von der homogenen Gruppe wird vermutlich von vielen subjektiv als unangenehm empfunden. Das Gefühl kennt fast jeder, der schon einmal im falschen Dress auf einer Veranstaltung erschienen ist, d.h. in Jeans statt im vorgeschriebenen Smoking oder umgekehrt. In einer solchen Situation hat man den Eindruck, dass man von allen argwöhnisch beobachtet und als Außenseiter betrachtet wird. Und man ist geneigt, alle Handlungen der anderen Personen als Diskriminierung der eigenen Person – aufgrund abweichender äußerer Merkmale – zu betrachten. Und so geht es vermutlich allen Dunkelhäutigen, die in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft leben. Jede tatsächliche oder vermeintliche Benachteiligung wird in Zusammenhang mit der Hautfarbe gesehen. Wer als Dunkelhäutiger eine Wohnung nicht bekommt, ist geneigt, dies als Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe zu sehen. Dass sich beim Vermieter 50 andere – und meist hellhäutige – Personen beworben und ebenfalls eine Absage erhalten haben, wird nicht realisiert.

Es ist natürlich auch viel einfacher, die Schuld für negative Erfahrungen bei anderen als bei sich selbst zu suchen. Und vor allem ist es bequemer, dem Vermieter, dem Personalchef oder dem Polizeibeamten Rassismus vorzuwerfen als sich selbstkritisch zu überlegen, ob das eigene Verhalten Grund für den Misserfolg sein könnte. Denn das könnte zu dem Ergebnis führen, dass man den Job einfach deshalb nicht bekommen hat, weil man in der Schule zu faul war, die Orthografie zu lernen oder dass man von der Polizei deshalb kontrolliert wurde, weil man tatsächlich versucht hat, Drogen zu verkaufen.

Ihr Rainer Rahn
Landtagsabgeordneter

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